Montag, 7. Dezember 2009

Erwartungen an einen Gipfel

von Simon Argus

Heute hat die Klimakonferenz in Kopenhagen begonnen - doch was erwarten wir eigentlich davon?

Was wäre ein Erfolg für die Klimakonferenz in Kopenhagen? Wenn sich alle Staaten auf möglichst drastische Reduktionen ihrer CO² Emissionen einigten? Leider bedeutet ein Versprechen eines Staates nicht, dass dieses auch so umgesetzt wird. Schon rein technisch ergeben sich große Probleme bei der Einhaltung der Klimaschutzziele - eine Frau Merkel oder ein Herr Sarkozy können natürlich versprechen den CO²-Ausstoß um 80% zu reduzieren - nur einhalten werden sie es wohl kaum können.

Das heißt nicht, dass das festlegen ambitionierter Ziele nicht wichtig ist. Aber es kann auf keinen Fall alles sein. Damit China seine CO² Emissionen verringert bedarf es der Hilfe anderer Staaten. Als Konsumenten sind wir schließlich hier in Europa für Chinas Emissionen mitverantwortlich. Gleichzeitig verfügen wir über Umwelt-Technologien, an denen es in vielen Schwellenländern fehlt. Es geht also um internationale Zusammenarbeit, Arbeitsteilung wenn man so will.

Deutschland beispielsweise hat viel Geld in Solartechnik investiert. Mit Steuergeschenken und Subventionen wurde diese zunächst ineffiziente Technologie gepäppelt um sie eines Tages tatsächlich konkurrenzfähig zu machen - konkurrenzfähig nicht gegen die Solartechnik anderer Staaten, sondern gegen andere Technologien - resourcenverschwendende und CO²-emittierende Technologien des vorigen Jahrhunderts. Aber es wäre nun falsch diesen Technologievorsprung - so teuer er auch war - nur den Deutschen zugute kommen zu lassen. Diese Technologie wird weltweit in einem gemeinsamen Kampf gegen den menschgemachten Klimawandel gebraucht. Hier geht es also auch darum, über den eigenen Schatten zu springen und die Chinesen, Inder, Brasilianer oder sonstwen eben doch in die eigenen Karten schauen zu lassen.

Es geht also um handfeste Projekte der internationalen Zusammenarbeit. Technologietransfer ist aber nicht das einzige: Es bedarf internationaler Umwelt-Standards, damit die westlichen Industrien nicht mehr in Europa den Saubermann spielen können, während sie dafür in Afrika die Umwelt zerstören, da sie ihre schmutzigsten Produktionsstätten in Länder ohne Umweltgesetzgebung verlegen. Es geht in Kopenhagen nicht darum sich einmal zu treffen, neue Ziele zu definieren und dann wieder zu Hause allein weiter zu machen. Es geht vielmehr um eine neue übernationale Instanz, die dauerhaft und kontinuierlich an einem Wandel in der globalen Umweltpolitik arbeiten muss.

Die Skeptiker waren sich von Anfang an einig: Kopenhagen wird kein Erfolg. Deshalb waren vor Beginn der Konferenz warnende und pessimistische Töne weltweit zu hören. Nun hat beispielsweise Barrack Obama seine Pläne geändert und wird auch bei den wichtigen Abschluss-Verhandlungen am Tisch sitzen. Die Politik will diese Konferenz doch noch als einen Erfolg verkaufen - Obama setzt da ein Zeichen und auch die Bundesregierung gibt sich kämpferisch. Doch der Beobachter muss wachsam bleiben: Nicht alles, was am Ende als Erfolg verkauft wird, ist auch ein Erfolg: Die Einigung auf ambitionierte CO²-Reduktionen allein ist lediglich Augenwischerei. Es würde zwar die skeptischen Töne von vor der Konferenz widerlegen und damit um so positiver wirken. Würden wir uns aber damit zufriedengeben und danach die Sache auf sich beruhen lassen, wäre der Klimagipfel von Kopenhagen ein großer Misserfolg - eine Beruhigungspille, die uns erst spät erkennen lässt, dass Angela Merkel den CO²-Ausstoß nicht per Dekret reduzieren kann.

Eine Karte mit den Brennpunkten des Klimawandels. Diese Karte soll im Laufe der Zeit erweitert werden um ein möglichst umfassendes Bild der Lage zu erzeugen.


Klima-Karte auf einer größeren Karte anzeigen

Bilder: Gipfelbeginn in Kopenhagen. www.guardian.co.uk

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Ein Augenzeugenbericht: Putsch und Neuwahlen in Honduras

Von Eva Jünemann und Mario Mejia

Der Putsch im Juni dieses Jahres stürzte Honduras in eine schwere innenpolitische Krise: Ausnahmezustand mit Ausgangssperren und Einschränkung der Pressefreiheit, Demonstrationen, Manifestationen, Bombenattentaten und gewaltsamen Übergriffen seitens der Polizei auf Demonstranten in der Hauptstadt Tegucigalpa.

Was für Auswirkungen hat der Putsch auf die Bevölkerung und das Alltagsleben, wie ist die Stimmung im Land und was hält man von dem Wahlergebnis des letzten Wochenendes? Der gebürtige Honduraner Mario Mejia ist 26 Jahre alt, lebt in der Stadt La Ceiba und arbeitet dort für eine lokale NGO. Er gibt uns Einsicht in seine Erfahrungen und Einstellungen gegenüber der politischen Geschehnisse in seinem Land.

Hintergrund: Manuel Zelaya der Liberalen Partei Honduras wurde 2006 zum Staatspräsidenten gewählt. Ende Juni 2009 wurde er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von der Armee aus dem Land geflogen und von seinem Parteikollegen Roberto Micheletti ersetzt. Hintergrund für den ersten Putsch in Lateinamerika seit 16 Jahren war der Versuch Zelayas, sich über eine Verfassungsänderung eine weitere Amtszeit zu sichern. Ende September schlich sich Zelaya wieder in sein Land und sitzt seitdem in der brasilianischen Botschaft in der Hauptstadt Tegucigalpa fest. Honduras befand sich seit dem Putsch in einer schweren innenpolitischen Krise. Am vergangenen Sonntag waren Neuwahlen, bei denen weder der gestürtze Präsident, noch der Putschpräsident Micheletti zur Wahl standen. Als Sieger ging der konservative Oppositionskandidat Lobo hervor.

Mit dem Putsch war der Frieden und der Zusammenhalt der Dörfer dahin, die seit den Zeiten von Francisco Morazán bestand. Michelleti hat dieses Bündnis der Liebe und des Friedens zerstört, so dass es zwischen Freunden, Familien und Arbeitskollegen Konflikte gibt, denn mit dem Putsch wurde das Land zerteilt in diejenigen, die den Putsch unterstützen und diejenigen, die ihn nicht unterstützen.

Die Putschregierung unterdrückte uns. Man konnte seine Meinung nicht frei artikulieren und auch Radio- (Radio Progreso, Radio Globo) und Fernsehsender sendeten nichts mehr. Aber wirkliche Gewalt gab es eigentlich nur in der Hauptstadt Tegucigalpa, jeder der demonstrieren wollte fuhr dorthin, aber Ungerechtigkeit gibt es im ganzen Land.

Der Putsch war für alle sozialen Ebenen in Honduras schlimm, besonders hart hat es die Mittel- und Unterschicht getroffen. Tausende verloren ihre Arbeit. Besonders die, die vom Tourismus leben oder Organisationen, die über internationale Institutionen finanziert werden, erlebten Einbrüche. Wer will schon in ein Land reisen, das in einer politischen Krise ist und welche Regierung arbeitet mit einer Putschregierung zusammen?

Mich persönlich haben besonders die Ausgangssperren seitens der Putschregierung betroffen. Wir konnten uns nicht frei bewegen, wir waren quasi Gefangene in unseren eigenen Häusern.
Um die internationale Gemeinschaft davon zu überzeugen, dass die Wahlen legitim abgelaufen sind wurde behauptet, dass die Wahlbeteiligung 62% beträgt. Aber im Land gibt es Stimmen, dass sie deutlich darunter lag. Der gesamte Wahlprozess war für mich nicht wirklich transparent und ich wünschte Zelaya hätte zur Wiederwahl gestanden.

Bild: Mario Mejia

Im Internet zum Thema: auf Spiegel online (mehr...), beim Informationsdienst Wissenschaft (idw) (mehr...), bei lateinamerikanachrichten.de (mehr...), und in der honduranischen Presse bei Tiempo (mehr...).

Sonntag, 29. November 2009

Klimawandel (3): mit der Handel-Macht-Klima-Karawane nach Kopenhagen

ein Kommentar von Steffen Hirth

Anfang Dezember wird die Handel-Macht-Klima-Karawane innerhalb einer Woche von der Ministerkonferenz der WTO in Genf zum UN-Klimagipfel in Kopenhagen ziehen. Die etwa 60 AktivistInnen aus Ländern des Südens wollen zeigen, welche Folgen neoliberale Globalisierung und Klimawandel auf ihr Leben haben. Sie wollen Alternativen zur Handelsliberalisierung und Privatisierung von Ressourcen suchen und auf diese Weise für andere Verhältnisse zwischen dem Norden und dem Süden kämpfen.

Als ich vor kurzem gebeten wurde, in der Geozentrale auf die Aktion hinzuweisen und ich mir die dazugehörige Infoseite ansah, kam ich ins Grübeln. Obwohl mir die Aktion generell absolut unterstützenswert erschien, hatte mich das Logo der Klima-Karawane misstrauisch gemacht. Symbolkräftig ist da ein alter VW-Bus zu sehen – nicht das neuere kantige Modell, sondern das alte, abgerundete, gemütliche, das wohl für immer für die Art von Freiheit stehen wird, wie die Hippies sie gelebt haben (oder noch immer leben).

Ohne die sozialen Errungenschaften der freiheitlichen Bewegung ab Ende der 1960er Jahre verleugnen zu wollen, war es eben dieser olle Spritfresser, der mir nicht mehr ganz up-to-date, nein eigentlich in höchstem Maße unangebracht, erschien.

Meine ersten Gedanken waren: Wie wollen Aktivisten ernst genommen werden, die Benzin verbrennen, um zum Klimagipfel zu gelangen? Sollten sie nicht alles in ihrer Macht stehende tun, um dorthin zu gelangen ohne von fossilen Energieträgern abhängig zu sein? Wäre eine Karawane ohne Autos nicht viel glaubhafter und letztendlich wirksamer der Öffentlichkeit gegenüber?













Zugegeben, die ganze Strecke von Genf nach Kopenhagen mit dem Rad zurückzulegen ist in einer Woche kaum machbar. Man könnte jedoch demonstrativ Teile der Strecke radeln und den Rest mit der Bahn fahren. Jeder weiß: Öffentlicher Verkehr ist energieeffizienter, als motorisierter Individualverkehr – eine „Karawane“ in der Bahn wäre also ein klarer Appell an die Politik.

Ich muss allerdings eingestehen, dass die Deutsche Bahn ebenso mit fossilen Energieträgern angetrieben wird. „Mit 54 Prozent Kohlestrom, 32 Prozent Atomstrom und 14 Prozent Wasserkraft ist der Bahnstrommix umwelt- und klimaschädlicher als der Strommix in den öffentlichen Netzen.“ schreibt die Fraktion der Grünen im Bundestag und fordert in einem Antrag vom 11. Februar 2009 die Bundesregierung auf, den Bahnstrom bis 2030 vollständig auf erneuerbare Energien umzustellen.

Doch zurück zur Sache: Nach einigem Überlegen bin ich dann doch zu dem Schluss gekommen, dass ich den Aktivisten keine Vorwürfe machen kann. Sie sind nicht schuld daran, dass Bahnfahren hierzulande immer noch viel zu teuer und immer noch nicht frei von fossilen Energieträgern ist. So schmutzig sie auch sein mögen, was machen schon ein paar klapprige VW-Busse zwischen Millionen modernen, „verbrauchs- und emissionsarmen“ Fahrzeugen aus, die tagtäglich die Verkehrsadern der Erde durchströmen?

Wenn die Aktivisten physische Präsenz in Kopenhagen zeigen, davon bin ich überzeugt, wird das im Hinblick auf den Klimaschutz mehr nützen, als die nicht ganz einwandfreie Fahrt dorthin schadet. Die Schwierigkeit sich ohne fossile Energie fortzubewegen zeigt nur, wie viel wir noch verändern müssen.

Also an alle, denen es möglich ist sich der Karawane anzuschließen: auf nach Kopenhagen!

Hier die Route der Karawane:

1611930

Western Route

Eastern Route


Nähere Infos auf der offiziellen Seite: www.climatecaravan.org

Freitag, 27. November 2009

"Sichere Räume" in San Salvador

von Eva Jünemann
In dem kleinen Land El Salvador werden jeden Tag im Schnitt 14 Menschen ermordet. Bei einer Gesamt-bevölkerung von 5,7 Millionen ist das eine ganze Menge. Besonders die Hauptstadt San Salvador verzeichnet hohe Kriminalitätsraten. Es stellt sich nun die Frage wie eigentlich die Ober- und Mittelschicht des Landes mit dieser bedrohlichen Situation in ihrem Alltag umgeht.

In jeder Stadt gibt es Gebiete, die als gefährlicher gelten als andere. Das Gefühl von Sicherheit oder Unsicherheit ist hierbei eine Sache der subjektiven Wahrnehmung. Die kritische Kriminalgeographie geht davon aus, dass räumlich gebundene Unsicherheiten konstruiert sind und dass als Reaktion auf diese wahrgenommene Unsicherheit wiederum „sichere Räume“ konstruiert werden. In vielen Städten dieser Erde setzt wegen eines steigenden Unsicherheitsempfinden ein Prozess ein, indem Kontroll- und Präventionsmaßnahmen zunehmen: Videoüberwachung im öffentlichen Raum, private Sicherheitskräften Gated Communities. In Ländern wie El Salvador werden sichere Räume von der Ober- und Mittelschicht nachgefragt und wo es eine Nachfrage gibt, kommt ein Angebot aus der Privatwirtschaft.

Wohin geht man, wenn man sich in San Salvador sicher fühlen will? Bewachte Wohnanlagen, Shopping Malls, Parkplätze, Bürogebäude, Supermärkte, Fitnessstudios und Restaurants. Laut nationalen Statistiken arbeiten in El Salvador dreimal so viele Menschen für private Sicherheitsfirmen wie für die Polizei. In diesem Land wimmelt es nur so von bewaffneten Männern, die Zugänge zu etlichen Gebäuden bewachen. Jeder, der es sich leisten kann, hat ein Auto, eine Alarmanlage und einen Nachtwächter vor der Tür. Damit man sicher Bargeld abheben und einzahlen kann gibt es Geldautomaten, die nach dem bewährten DriveIn-System von MC Donald funktionieren, so dass man das Auto nicht verlassen muss.

In El Salvador gibt es zwar wegen der hohen Kriminalitätsraten kaum internationalen Tourismus, der Binnentourismus boomt trotzdem: Wer Geld hat, sucht am Wochenende auf dem Land, in den Bergen oder am Strand nach ein bisschen Freiheit und Ruhe.
Was ist aber mit denen, die es sich nicht leisten können……?

Die…haben Pech gehabt, denn wenn man sich hier sicher fühlen will, muss man Geld haben.

Literatur:

GLASZE, G., R. PÜTZ und M. RULFES (Hrsg.)(2005): Diskurs, Stadt, Kriminalität. Städtische (Un-) Sicherheiten aus der Perspektive von Stadtforschung und kritischer Kriminalgeographie. Bielefeld.

Bilder:

oben: Die Shopping Mall Multiplaza in San Salvador
Quelle: http://wifisv.files.wordpress.com/2009/01/multiplaza26vz.jpg

unten: „Drive through“ Geldautomaten
Quelle: http://travel.webshots.com/photo/2809239060055585758ginIJL

Mittwoch, 25. November 2009

Klimawandel (2): Die aktuellen Wasserstände

von Simon Argus
Nur noch wenige Tage bis zur Welt-Klimakonferenz. Doch wie tief stecken wir eigentlich gerade in der Krise? Forscher haben die aktuellen Eckdaten zusammengetragen. Böse Überraschungen sind in der Zukunft weiterhin nicht ausgeschlossen.

In einem Bericht, den Wissenschaftler kurz vor Konferenz-Beginn noch herausgegeben haben, fassen sie die neusten Ergebnisse seit dem letzten offiziellen Weltklimabericht von 2007 zusammen. Sie verheißen nichts Gutes.

Temperatur

Es geht darum, dass in den nächsten 90 Jahren unser Klima bei unverändertem CO²-Ausstoß um sieben Grad wärmer wird. Entgegen aller Bemühungen hat sich der Ausstoß dieses Klimagases seit 1990 um 40% erhöht und er wächst weiter. Um in einem erträglichen Rahmen von 2°C zu bleiben, dürften wir bei den heutigen Raten noch genau 20 Jahre weitermachen - und müssten dann die Luft anhalten. Andernfalls drohen der Menschheit große Katastrophen: Der Untergang vieler dicht bevölkerter Küstenstreifen, gleichzeitig Kämpfe um Trinkwasser und Lebensraum.

Barrack Obama hat sein Erscheinen auf der Klimakonferenz nun doch zugesagt (zumindest für einen Tag), doch ob es für ein positives Ergebnis reichen wird ist höchst zweifelhaft: Seine Ambitionen sind gering, gerade einmal um 17% wollen die USA ihren CO² Ausstoß im Vergleich zum Jahr 2005 senken - und das erst bis zum Jahr 2020.

Dabei sind die USA einer der größten Klimasünder weltweit: Pro Kopf stoßen sie jährlich knapp 20 Tonnen CO² aus - das ist zehn mal soviel, wie unsere Erde langfristig ertragen kann, ohne dass sich das Klima grundlegend ändert. Aber auch Europa schießt über das Ziel hinaus: Anstatt der erträglichen 2 Tonnen, stößt jeder Deutsche pro Jahr knapp 10 Tonnen CO² aus. Relativ gut kommen im Vergleich die bevölkerungsreichen Schwellenländer China (3,9 Tonnen) und Indien (1,1 Tonnen) weg. Bei einer anhaltend rasanten Wirtschaftsentwicklung ist aber auch hier eine Steigerung zu erwarten (mehr auf diesem Blog...).

Meeresspiegel

In diesem Mashup von Google-Maps kann man das Szenario für die eigene Region durchspielen: Die gewünschte Höhe des Meeresspiegels an der Seite angeben und schauen ob es für die eigenen Füße bereits feucht wird.


Neben der Temperatur ist der zweite Hauptaspekt des Klimawandels ein steigender Meeresspiegel. Dieser ist in den letzten 15 Jahren um 5 cm gestiegen, weitere 7 Meter werden hinzukommen, sollte das Grönlandeis vollständig abschmelzen. Und auch dieses Szenario scheint zunehmend wahrscheinlicher zu werden: Britische Wissenschaftler (mehr bei nature-online...) haben nun das Abschmelzen der Pole detailliert erfasst und stellen fest: Die weltweiten Eisschilde schmelzen um 40% schneller als bisher angenommen.

Düstere aussichten also - aber wie wahrscheinlich ist es, dass sich die Welt zusammenrafft und es zu einer effektiven Lösung kommt? Auf der einen Seite steht der reiche Norden - unwillig auf gewohnten Wohlstand zu verzichten und daher wohl unfähig den eigenen CO²-Ausstoß extrem zu senken. Auf der anderen Seite stehen die Entwicklungs- und Schwellenländer: Unwillig auf Aufstiegschancen zu verzichten, unfähig bei ihrer Industrialisierung die Fehler der alten Welt zu vermeiden.

Oder doch? Das Zeitfenster ist kurz, Kopenhagen ist eine der wenigen verbleibenden Chancen.

Samstag, 21. November 2009

Jugendbanden in Zentralamerika

von Eva Jünemann
Jugendgewalt zeigt sich weltweit in unterschiedlichen Ausprägungen. Ob bewaffnete Drogengangs in Rio, Krawalle in den Vorstädten von Paris oder Angriffe von jugendlichen Schlägern in der Münchner U-Bahn. In Zentralamerika findet Jugendgewalt vor allem Ausdruck in aggressiv agierenden, überregional vernetzten Jugendbanden.

Zentralamerika zählt zu den gewalttätigsten Regionen der Welt. Etwa 80% aller Verbrechen werden von Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren begangen. Davon werden die Hälfte aller Morde den Jugendbanden, den sogenannten Maras oder auch Pandillas zugeschrieben. In El Salvador, Honduras und Guatemala zählen sie je etwa 60 000 Mitglieder.

Der Großteil der Bandenmitglieder ist zwischen 12 und 30 Jahre alt. Als Ursache ist das Zusammenwirken von wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit, Armut, mangelhafter Bildung und sozialer Desintegration zu sehen. Sie üben eine enorme Sogwirkung auf Tausende von Jugendlichen aus, denn sie bieten den jungen Menschen das, was ihnen fehlt: Solidarität, Zugehörigkeit zu einem familienähnlichen Netzwerk, Identität, Anerkennung und finanziellen Halt.

Maras unterscheiden sich von kleinkriminellen Gruppen nicht nur hinsichtlich Organisationsgrad und Gewalttätigkeit, sondern insbesondere auch in ihrem geradezu totalitären Anspruch an den Lebensstil ihrer Mitglieder. Ihr Kleidungsstil erinnert stark an den US-amerikanischer Gangmitglieder, besonders auffällig sind auch die großflächigen Tätowierungen und die sprachliche Ausdrucksweise. Mit dem Eintritt in eine Mara ist man außerdem gezwungen einen anderen Namen anzunehmen.

Mareros verdienen ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch Diebstahl, Drogen- und Waffenhandel, Entführungen und Erpressungen. Die Aktivitäten der beiden größten Banden, die Mara Salvatrucha und die Mara 18 sind überregional und ihr Einflussbereich reicht von Kolumbien bis nach L.A.

Die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Gewalt in den besagten Ländern gehen über die offensichtlichen Personen- und Sachschäden hinaus. Die privatwirtschaftlichen Ausgaben für Sicherheitsdienste, Alarmsysteme und bauliche Schutzmassnahmen sind außerordentlich hoch. Die permanente Unsicherheit schreckt ausländische Investoren ab und auch touristische Potenziale bleiben in weiten Teilen unausgeschöpft. Jugendgewalt in Zentralamerika erweist sich zunehmend auf wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ebene als Entwicklungshemmnis.

Quelle der Abbildung: http://www.artefotofestival.org/immagini/foto/christian_poveda.jpg

Literatur:
Cunningham, W. (2008): Youth at Risk in Latin America and the Caribbean: Understanding the Causes, Realizing the Potential. Washington.

Brot für die Welt (Hrsg.) (2008): Jugend und Gewalt. Global lernen (1).

Filmtipps:
Christian Poveda (2008) ”La vida loca”
Cary Fukunaga (2009) “ Sin Nombre”



Die Autorin: Eva Jünemann studiert an der Uni Mainz Geographie und arbeitet derzeit als Praktikantin bei der GTZ in El Salvador.

Sonntag, 15. November 2009

Klimawandel: Wenn Länder untergehen

von Simon Argus
In Kopenhagen versammeln sich am 7. Dezember die Staatschefs der Welt und beraten über die heraufziehende Klimakatastrophe. Alles halb so schlimm - das ist die fatale Haltung der meisten Regierungen zur Stunde, während Experten zweifeln ob das Ziel, die Erderwärmung bei 2 Grad zu stoppen, überhaupt noch erreichbar ist. Kopenhagen liegt nur wenige Meter über dem steigenden Meeresspiegel - richtig eng wird es aber zuallererst für einige Inselstaaten im Pazifik und indischen Ozean.

4 Meter beträgt die höchste Erhebung des Inselstaates Tuvalu. Ähnlich flach sind die Malediven. Beide Staaten sind durch einen steigenden Meeresspiegel in ihrer Existenz bedroht.
Durch die globale Erwärmung droht die Entstehung von so genannten "Geisterstaaten", deren Regierungen im Exil arbeiten und deren Bevölkerung in die ganze Welt zerstreut werden. Für diesen Fall gibt es derzeit noch keine Präzendenzfälle. Was passiert eigentlich, wenn ein Staat aufhört physisch zu existieren, seine Bevölkerung aber die eigene Staatsbürgerschaft behalten möchte?

Könnte es in Zukunft vielleicht "virtuelle Staaten" geben? Das Thema ist politisches und rechtliches Neuland. Es steht weit mehr auf dem Spiel als kulturelle oder sentimentale Bindungen an das eigene Land. Ein Staat besitzt zahlreiche Privilegien und Rechte die er nicht verlieren will. Beispielsweise Tuvalu: Der Inselstaat verdient Devisen durch den Verkauf der Internet-Endung .tv und besitzt außerdem eine Stimme in den vereinten Nationen. Das internationale Völkerrecht sieht untergehende Staaten noch nicht vor.

Die Regierungen der betroffenen Nationen bemühen sich um Abkommen und teilweise sogar um den Ankauf von Land, auf dem das eigene Volk in der garnicht allzu fernen Zukunft eine neue Heimat finden soll. Dennoch: Das Migrationsproblem durch die globale Erwärmung wird noch weltweite Auswirkungen nach sich ziehen.

Für den Fall einer weltweiten Temperaturzunahme von 4°C hat eine kürzlich in Oxford vorgestellte Studie weltweit 23 Regionen identifiziert, aus denen die Menschen aufgrund des Klimawandels fliehen werden. Die Einen vor dem steigenden Wasserspiegel, die Anderen vor dem Wachstum der Wüsten oder dem Ausbleiben der Regenfälle. Etwa eine Milliarde Menschen werden im Endeffekt weltweit aufgrund des Klimawandels migrieren - das ist knapp jeder sechste Erdenbürger.

Diese gewaltige Migrationswelle wird vor allem auch die entwickelten Staaten vor neue Herausforderungen stellen: Als Hauptverantwortliche des Klimawandels wird es an ihnen liegen, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Eine Milliarde Menschen lassen sich durch keinen Grenzzaun aufhalten, eine proaktive Migrationspolitik ist daher notwendig.

Die Migration wird mit dem Klimawandel zur Adaptionsstrategie, sie muss daher gefördert und ermöglicht werden. Speziell die ärmsten Menschen, denen die Ressourcen zur Migration fehlen benötigen Unterstützung. Es ist schließlich nicht möglich, sie ohne Lebensgrundlagen in verwüsteten Landstrichen zurück zu lassen. Doch wer wird die Verantwortung übernehmen?

Es lässt sich absehen, dass der Klimawandel die Menschheit noch teuer zu stehen kommt. Auch und speziell die Staaten, denen zunächst kein Untergang oder Wassermangel droht, werden sich an diesen Kosten beteiligen müssen. Staaten wie Deutschland werden dafür sorge tragen müssen, dass dieser Adaptionsprozess so menschlich und reibungslos wie möglich passiert - andernfalls droht der Menschheit eine neue Katastrophe, Kriege um fruchtbares Land oder Wasser.

Den Teilnehmern der Kopenhagener Klimakonferenz wäre also angeraten, lieber heute in den sauren Apfel zu beißen und Geld für den Klimaschutz auszugeben, als Morgen vor noch viel größeren Problemen zu stehen. Auch wenn ein paar mehr Sonnentage zunächst doch so harmlos scheinen.

Quelle: Artikel in "the Guardian" vom 30. September 2009. www.theguardian.co.uk
Bilder: (von oben) Logo der Klimakonferenz in Kopenhagen (Quelle: http://en.cop15.dk/). Land unter: Überflutung während eines Sturmes bei Kapstadt (Quelle: eigenes Bild).

Im Internet: Alles zur Klimakonferenz in Kopenhagen (mehr...) sowie zum drohenden Untergang Tuvalus bei Germanwatch (mehr...).
 
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