Wie wir uns ernähren, ist nicht allein unsere eigene Wahl. Die "Ernährungslandschaft", die wir in unserer Umgebung vorfinden, strukturiert diesbezügliches Wissen und Möglichkeiten. Nachfolgend eine Photo-Serie aus Berlin-Neukölln, die sich am Konzept der "ethical foodscapes" orientiert.
Was "gute" Ernährung ausmacht, ist eine Frage der Aushandlung. Aus diesem Grund interessieren sich Geograph_innen für die räumlichen Prozesse, die politischen Intentionen von Akteuren und die spezifischen Orte, vor deren Hintergrund diese Aushandlung stattfindet. "It is here, then, that we suggest the idea of an 'ethical foodscape' as a way of conceptualising and engaging critically with the processes, politics, spaces, and places of the praxis of ethical relationalities embedded and produced in and through the provisioning of food." (Goodman et al. 2010: 1783).
Eine Möglichkeit ist es, in der (hier: urbanen) Landschaft nach moralischen Bedeutungsproduktionen zu suchen: "Food and food ethics are thus relationally performative as they involve the linking up of the material and constructed self with Others and Other natures in moral webs of meanings [...]." (ebd.: 1784)
Der kleine Ausschnitt aus den "foodscapes" von Neukölln, der hier anhand einer kommentierten Bildserie gezeigt wird, offenbart eine kontrastreiche Landschaft, die räumlicher Ausdruck verschiedener Ernährungspraktiken ist.
Politik mit der Hauswand - in der Sonnenallee wird mit Ausrufungszeichen an die tierproduktfreie Ernährungsweise erinnert...
...ganz in der Nähe, am Hertzbergplatz, gibt es die entsprechende Pizzeria. Ein grüner Zettel an der Eingangstür verdeutlicht die Regeln, die in diesem Raum gelten: "PELZMUSS DRAUßEN BLEIBEN. DANKE". Frei Haus geliefert wird die Pizza nicht mit der Vespa, sondern dem Drahtesel (sorry, für diesen nicht sehr veganen Begriff, der an die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Menschen und Eseln erinnert).
Der "Späti" hat, extra für Nachteulen, gaanz lange auf und springt ein, wenn Bier, Wein, Chips oder Zigaretten uvm. aus sind.
Ein für Neukölln typischer Lebensmittel-Laden. Die Verkaufsfläche nach draußen zu verlagern, entlastet den engen Innenraum.
An dieser Tankstelle präsentiert der Chefkoch noch höchst persönlich die neuesten Sandwich-Kreationen.
Aushängeschild einer Fleischerei: Kühe und Schafe grasen fröhlich auf grünen Wiesen und "liefern" Helal-Fleisch "Beste Qualität"...haben wir es hier mit "artgerechter" Tierhaltung in Grünlandwirtschaft zu tun oder doch nur mit Agrarromantik?
Hühnchenfleisch und dieses rote Design.... etwa ein Pendant zur großen Kette, die Kritiker_innen gerne mal in "Kentucky Fried Cruelty" umbenennen?
Ein Supermarkt.
Ein anderer Supermarkt. Neukölln bietet für fast jeden Geschmack etwas.
Auf dem Heimweg komme ich an dieser Werbeagentur vorbei und frage mich, ob sie eventuell den Auftrag erhalten hat, die Aushängeschilder der Fleischerei oben zu entwerfen. War sie möglicherweise an der Gestaltung der Ernährungslandschaft, die sich mir in Neukölln darbot, beteiligt? Möglich ist das...
Bildquellen:
eigene Bilder
Referenz:
Goodman, Michael K.; Maye, Damian; Holloway, Lewis (2010): Ethical foodscapes?: premises, promises, and possibilities. In: Environment and Planning A, 42 (2010), 8, S. 1782–1796.
Der Elysée-Vertrag wird 50 Jahre alt und das wird groß gefeiert. Gleichzeitig hört man überall, dass die Freundschaft Gefahr läuft, einzurosten. Wie sieht es also aus, mit der guten Nachbarschaft? Ich habe mich selbst mal gefragt, was ich eigentlich mit dem Deutsch-Französischen Verhältnis so verbinde und angefangen eine Karte zu zeichnen.
von Simon Argus
Eine kognitive Karte zum Thema Deutsch-Französisches Verhältnis entlang der Grenze. Was fehlt noch?
Na klar - man könnte schon allein mit physisch-geographischen Features, die Deutschland und Frankreich verbinden, ganze Regale füllen: Der Oberrheingraben, das Flußsystem von Rhein, Mosel und Saar und so weiter. Ein wichtiger Grund für jahrhundertelangen Zwist waren sicherlich die Kohlereviere und Verkehrsverbindungen über Wasserstraßen. Inzwischen hat die letzte Kohlengrube im Saarland zu gemacht (wegen Erdbeben) und auf den Wasserstraßen kann man Hausboote mieten und so vom Rhein bis nach Paris schippern.
Am Anfang war der Streit. Kriege haben die Grenze zwischen den beiden Ländern immer wieder verschoben. Das Elsass hat mehrmals den "Besitzer" gewechselt und auch die Pfalz hieß früher mal "Département Mont Tonerre" (Region Donnersberg) und war somit Teil des napoleonischen Frankreich. Viele Städte in der Region haben Namen in zwei Sprachen. Die zahlreichen Festungsstädte in der Gegend waren in ihrer Stadtentwicklung über lange Zeit eingeschränkt. Landau wurde von Vauban im 17. Jahrhundert zur französischen Feste ausgebaut - die Bewohner konnten von nun an nur noch tagsüber durch die Stadttore ein- und ausgehen. Die Mauern um die Festung Mainz wurden erst geschliffen, als nach dem Krieg von 1870 Metz zur neuen Verteidigungsbastion gegen die Franzosen ausgebaut wurde. Metz und die Gegend um Verdun erinnern bis heute mit ihren gruseligen Schlachtfeldern und Bunkeranlagen an den ersten Weltkrieg. Maginot-Linie und Westwall und so. Gleich dreimal war ich auf Schulausflügen dort.
Aber heute ist das alles Geschichte. 1963 unterzeichneten also Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den Elysée-Vertrag und ebneten somit den Weg für zahlreiche Schüleraustausche und Vereinsausflüge. Die beiden Länder sind zum Motor der europäischen Einigung geworden und auch die Hauptstadt der Europäischen Union - zumindest die der Legislative - liegt im Deutsch-Französischen Grenzgebiet. Straßburg - so war es einmal die Vision europäischer Vordenker - sollte, gemeinsam mit seinem deutschen Nachbarn Kehl, eine internationale Stadt werden. Diese Vision hat man begraben. Heute gibt es die Eurodistrik(c)te, regionale Zusammenschlüsse auf kommunaler Ebene, mit denen länderübergreifende Initiativen wie grenzüberschreitende Buslinien oder eine gemeinsame regionale Identität gefördert werden sollen.
Leider liegt zwischen der Idee einer engen Freundschaft und ihrer Umsetzung immer noch die Notwendigkeit einer Tat. Und leider lernen immer weniger Menschen in der Grenzregion die Sprache des Nachbarn. Auch gibt es heute weniger Schüleraustausche mit den Leuten auf der anderen Seite. Aber vielleicht normalisiert sich die Beziehung auch einfach. Man fährt ja immernoch gerne mal schnell nach Frankreich, um in den riesigen Supermärkten zu kaufen, was es bei uns nicht gibt. Und mit dem Zug ist man inzwischen doppelt so schnell in Paris als in Berlin. Viele Deutsche haben Wochenendhäuser im Elsass und viele Elsässer kaufen inzwischen auch deutschen Wein oder besuchen deutsche Wellness-Bäder im Schwarzwald. Angela Merkel und Francois Hollande duzen sich seit heute. Und was könnte man auf der Karte noch alles hinzufügen?
Zum Thema im Netz: Deutsche und Franzosen vergleichen? Zum Beispiel hier bei der Süddeutschen Zeitung.
Es ist der 23.12.2012 und der von einigen Seiten prophezeite Weltuntergang ist vorgestern ausgeblieben. Auch eine von anderen vermutete anti-apokalyptische Bewusstseinserweiterung macht sich bei mir noch nicht bemerkbar. Eigentlich wäre das keine Meldung in der Geozentrale wert. Aus geographischer Perspektive interessant ist hingegen, was diese Spekulationen über menschliche Beziehungen zu ihrer und Wahrnehmungen von ihrer Umwelt aussagen.
Diffuse Ängste und Unverständnis von Dingen, die sich in der Raumzeit abspielen, sind keine Seltenheit und deshalb auch ernstzunehmen. Auch wenn es beim vorläufig verschobenen Weltuntergang überwiegend um astronomische Fragen ging (z.B. der Maya-Kalender; Kometen, die auf die Erde treffen könnten; eine bestimmte Konstellation von Erde und Sonne in der Milchstraße; vgl. Abb. 1), hat auch die Geographie eine gewisse Aufklärungsverantwortung, etwa wenn es um so genannte Naturkatastrophen geht (im Zshg. mit dem 21.12. wurde bspw. auch um ein erhöhtes Auftreten von Erdbeben spekuliert; mehr...).
Abb. 1: Auf scienceblogs.de werden die häufigsten Fragen zum Weltuntergang am 21.12. aus wissenschaftlicher Perspektive beantwortet (Bildquelle: scienceblogs.de).
Diese Aufklärungsverantwortung möchte ich an einer Beobachtung veranschaulichen, die ein Beispiel für einen erschreckend sorglosen Umgang mit den Begriffen "Naturkatastrophe" und "Klimawandel" darstellt. Auf Gameswelt.de werden in einem Spezial-Beitrag anlässlich des 21.12. Videospiele vorgestellt, in denen Weltuntergänge ein Thema sind. Dort heißt es:
"Es gibt aber noch weitere Arten des Weltuntergangs in Videospielen: Zum Beispiel durch Naturkatastrophen - also wenn Klimawandel und Co uns einen Strich durch die Rechnung machen. Bei 'Disaster: Day of Crisis' müsst ihr euch nicht nur mit der Terror-Organisation 'SURGE' herumschlagen, sondern auch mit einem ausbrechenden Vulkan oder einem alles verschluckenden Tsunami." (gameswelt.de)
Der Begriff "Naturkatastrophe" ist aus geographischer Sicht ohnehin schon problematisch, da die Folgen bestimmter Wetterphänomene oder tektonischer Aktivitäten nur von Menschen (und sicher auch einigen anderen Lebewesen) als Katastrophe empfunden werden können. Insofern wäre es sinnvoller von "Sozialkatastrophen" zu sprechen. Im Zusammenhang mit dem im Zitat angesprochenen Klimawandel wird dies gleich auf zwei Ebenen deutlich. Zum einen bekommen Menschen die Folgen des Klimawandels zu spüren, zum anderen sind Menschen die Hauptursache, der auf wenige Jahrzehnte gesehen drastischen Klimaveränderungen, die im 20. Jh. ihren Lauf genommen haben.
Zählen wir aus Perspektive eines physiozentrischen Naturbildes hingegen den Menschen zur Natur, klingt "Naturkatastrophe" wiederum ein Stück sinnvoller. Dann würde die Katastrophe von "Natur" ausgelöst und von "Natur" wahrgenommen. Es wäre aber trotzdem nicht ganz treffend bzw. eine grobe Pauschalisierung vom Klimawandel als Naturkatastrophe zu sprechen, zumal der entscheidende Einfluss menschlicher Aktivitäten als Ursache verschleiert würde. Die Verantwortung würde auf die Gesamtheit der Natur, also auch auf alle anderen Lebewesen sowie auf jene Menschen, die (weitgehend) klimaneutral leben, abgeschoben.
Eine Aufklärungsrolle obliegt der Geographie insofern, als sie Mensch-Umwelt-Beziehungen deutlich machen muss. Im Beitrag über Videospiele erscheint der Klimawandel als eine Geißel, die von oben auf uns herabregnet, die einfach passiert. Er wird als Naturkatastrophe bezeichnet, die dem klassischen Verständnis nach einfach auftritt und unvermeidbar ist. Auf die ebenfalls im Zitat genannten Phänomene Vulkanausbruch und Tsunami trifft dies ja zu - wir haben keine technischen Möglichkeiten sie zu verhindern. Doch selbst bei diesen obliegt der Grad der "Katastrophe" ja dem menschlichen Erfahren, das wiederum von der Vorbereitung auf und vom Umgang mit diesen Ereignissen bestimmt wird. Beim Klimawandel hingegen tritt der Mensch auch noch als Ursache der darauf folgendenen Ereignisse in Erscheinung - von Unvermeidbarkeit im Sinne natürlicher Fügung kann keine Rede sein.
Den faktisch hybriden Charakter solcher Phänomene hervorzuheben und allgemein bekannt zu machen ist Aufgabe einer Geographie, die es mit dem Schutz menschlicher Lebensgrundlagen ernst nimmt. Es sind eher unsere "normalen", alltäglichen Handlungen, die unsere Welt sozial wie materiell konstituieren, als irgendwelche Einflüsse "von außen". Irrationale Ängste zu vertreiben, würde viele Menschen aus ihrer Lähmung befreien, die dafür sorgt, dass nichts oder wenig gegen faktisch haltbare Risiken und Bedrohungen (wie die "Sozialkatastrophe Klimawandel") unternommen wird.
Dieser Mangel an Aufklärung und daraus resultierende Ängste zeigen sich beispielhaft in einer Frage von "nikolina" auf scienceblogs.de zum bevorstehenden Weltuntergang am 21.12. durch den Planeten "Niburu". Die Antwort des Autoren, der die ihm gestellte Frage als zutiefst naiv empfinden muss und sie dennoch ernst nimmt, ist, auch wenn er offensichtlich dabei ist, die Geduld zu verlieren, in seiner Nachsicht fast schon rührend und deshalb - wie ich finde - vorbildlich:
nikolina
19. September 2012:
Hallo Florian. Ich komme nicht so wirklich mit deinem Text zu
Niburu klar. Deswegen noch mal dieselbe Frage. Wenn es Nubiru gäbe dann
müsste er jetzt schon zuerkennen sein als ein grosser heller Punkt neben
der Sonne und dem Mond? Neben der Sonne und dem Mond oder egal wo am
Himmel? Und ich habe mal als Antwort bekommen das der Punkt so gross
sein müsste wie die Sonne und der Mond ( wenn es ihn gäbe)? P.s Ich
hoffe das du nicht mehr sauer bist. Danke
Antwort: Warum stellst du deine Frage nicht bei dem
Artikel um den es geht? Du weißt doch, dass das hier keine Plauderecke
ist. Nibiru wäre ein heller Punkt am Himmel, so wie Jupiter oder Saturn.
Und wäre NICHT neben der Sonne. Es wäre ein heller Punkt am
Nachthimmel, so wie all die anderen Punkte am Nachthimmel. Und jetzt
fragst du mich wahrscheinlich wieder, warum ich so sicher sein kein,
dass er nicht existiert, wenn doch da so viele Punkte sind. Und ich sag
dir das gleiche, was ich dir schon dutzende Male gesagt habe:
hunderttausende (Amateur)Astronomen in aller Welt wissen, welche Punkte
wo am Himmel sein müssen. Und würden einen so hellen Planeten, der nicht
dazu gehört, sofort entdecken. Geh in ein Planetarium! Geh zu einer
Volkssternwarte! Geh zu einem astronomischen Verein! Geh in eine
Bücherei! Informier dich wenigsten ein kleines bisschen über Astronomie.
Ansonsten wirst du nie Bescheid wissen und immer weiter Angst haben.
Und wenn du schon nichts neues lernen willst, dann hör doch zumindest
auf, ständig weiter im Internet nach Zeug zu suchen, das dir Angst
macht. Du musst mir jetzt hier auch nicht antworten. WIe ich schon
sagte: Das hier ist kein Chatroom. Überall sonst in meinem Blog. Aber
nicht hier.
Nach einer längeren, der beruflichen Orientierung geschuldeten Pause meldet sich die Geozentrale zurück im virtuellen Raum. Das heutige Thema ist ein Beispiel dafür wie geographisch Kinobesuche sein können und wie alltagsnah Geographie; selbst dann, wenn sie sich mit vermeintlich abgehobenen Dingen wie Raum und Zeit beschäftigt.
Die Suche nach Wahrheit ist, neben dem Wunsch die Welt zu verbessern, eines der Leitmotive der Wissenschaften. In der Regel wird heute jedoch nicht mehr von einer absoluten Wirklichkeit ausgegangen. Wie wir die Wirklichkeit und unsere Handlungen darin wahrnehmen hat viel damit zu tun, welche Konzepte von Raum und Zeit sowie von "uns" und den "Anderen" wir haben. Der Film "Cloud Atlas" greift post-strukturalistische und relationale Ansätze auf, indem seine Figuren in unterschiedlichsten Epochen sich gegen herrschende Strukturen - ob Sklaverei oder Atomkraftlobby - auflehnen, auf diese Weise ihren Weg aktiv mitbestimmen und das Leben ihrer Nachkommen wesentlich beeinflussen. Die daraus resultierenden weitreichenden Verbundenheiten bzw. Relationalitäten, die nun auch in der Popkultur angekommen sind, beschäftigen schon seit einiger Zeit auch Humangeograph_innen; sie laden zu einem Blick in die n-Dimensionalität unserer Wirklichkeit ein und beinhalten spannende Implikationen für den freien Willen und Verantwortung.
Schon in "Matrix" (USA, 1999) bewiesen die Wachowski-Geschwister einen Sinn für Erkenntnistheorie. Der Film thematisierte in Anlehnung an Sokrates' "ich weiß, dass ich nichts weiß" und Platons Höhlengleichnis die Tatsache, dass wir nicht wissen können wie wirklich unsere Wirklichkeit ist (Watzlawick 2009 [1976]). Nicht ohne Grund findet "Matrix" auch im Kapitel zum Konstruktivismus des geographischen Lehrbuchs von Paul Reuber und Carmella Pfaffenbach (2005) Erwähnung. Der neue Film der Wachowskis, "Cloud Atlas" - eine deutsch-US-amerikanische Produktion gemeinsam mit Tom Tykwer -, könnte ebenfalls exemplarisch im Lehrbuch aufgegriffen werden, allerdings thematisiert er weniger die Relativität aller Wahrnehmung, als vielmehr die machtvollen Strukturen und Interdependenzen, die Menschen relational verbinden (vgl. Abb. 1).
Abb. 1: Werbeplakat zum Kinostart von Cloud Atlas in Deutschland: "Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft. Alles ist verbunden."
Alle Figuren im Film stehen vor besonders wichtigen
Entscheidungen - ihr Handeln wirkt sich relational auf die Menschen aus,
die mit und nach ihnen leben. 1849 entschließt sich der amerikanische Anwalt Adam Ewing auf einer Schiffsreise nach Europa,
entgegen den vorherrschenden Normen und Sitten seiner Epoche, dazu, dem
Sklaven Autua, der als Blinder Passagier an Bord ist, zu helfen. Da der
junge Komponist Robert Frobisher im Jahr 1936 nur in Besitz der einen Hälfte
von Ewings Tagebuch kommt, beauftragt er seinen Freund Rufus Sixsmith
damit, die zweite Hälfte zu besorgen. Das Manuskript gelangt über Umwege
der verschiedenen Episoden des Films - der Physiker Sixsmith wird 1976 von der
Atomkraftlobby ermordet, so dass es in die Hände der Journalistin Luisa Rey gelangt -
bis ins Jahr 2144 wo es, inzwischen verfilmt, den weiblichen Klon
Sonmi~451 dazu ermutigt, eine Revolution gegen die in der dortigen
Konzernokratie übliche Versklavung und industrielle Verwertung
geschlachteter Klone zu initiieren.
So abstrus die Geschichte in aller
Kürze erscheinen mag, der Film verdeutlicht die Raum und Zeit
übergreifende Verbundenheit von Menschen über die Entscheidungen, die
sie treffen. Die Hauptfiguren geraten in ihrer Epoche in irgendeiner
Weise in Gefahr. Letztlich entscheiden sich alle dazu, sich gegen die
sie bedrohenden oder sie unterdrückenden Strukturen, die
gesellschafltlich festgeschrieben sind und von machtvollen Antagonisten
verteidigt werden, aufzulehnen: sei es die "biopolitische Macht" (vgl.
Foucault 2008), die 1849 und 2144 über die Körper der Sklav_innen
ausgeübt wird, sei es die Lebensgefahr, der Luisa Rey 1976 trotzt, indem
sie über die Machenschaften der Atomkraftlobby recherchiert, oder sei
es der Verleger Timothy Cavendish, der 2012 aus einem Altersheim ausbricht.
Die Figuren nehmen, wie es so schön heißt, "ihr Schicksal in die Hand" und negieren damit den Schicksalsbegriff, der ja eine Vorherbestimmung des eigenen Lebensweges bezeichnet. Die Figuren nehmen hingegen aktiv Einfluss, indem sie sich dazu entscheiden, physische Gewalt und gesellschaftliche Widerstände wie gedankliche, religiöse und ideologische Hürden zu überwinden. Sie verändern damit "Geschichte", nehmen aktiv Einfluss auf Raum und Zeit, so dass ihre Entscheidungen und ihre Handlungen noch Jahrzehnte oder Jahrhunderte später im Leben völlig fremder Menschen fortwirken. Was der Ziegenhirte Zachary im Jahr 2346 mit "wahr-wahr" umschreibt, bezeichnet demnach weniger eine Absolutheit von Wahrheit, als vielmehr die relationalen Verbundenheiten, welche Wahrheiten und Wirklichkeiten erschaffen. Er steht "auf den Schultern von Giganten", jener Menschen aus den Episoden vor seiner Zeit.
Im Folgenden möchte ich zeigen, wie eine solche post-strukturalistisch und relational geprägte Ontologie, sich in der humangeographischen Betrachtung von Raum und Zeit bei Doreen Massey (2011 [1992]) äußert, die sich dabei an physikalischen Raumzeit-Begriffen anlehnt und von der Möglichkeit einer Politisierung von Raum/Raumzeit spricht. Diesen Ansatz möchte ich anschließend mit einigen Überlegungen fortführen, die - so ungewohnt es klingt - nahe legen "Zeit" als einen Namen für etwas gänzlich Räumliches zu sehen. Die vermeintliche Absolutheit und Linearität von Zeit, die gnadenlos an uns als passiven Objekten vorübergeht, was ja durch die Relativitätstheorie in Frage gestellt wird, würde dann ersetzt durch machtvolle Akteur_innen, die sich aktiv durch den sich verändernden Raum bewegen bzw. sich so in neue Wirklichkeiten begeben oder sie - je nach Interpretation - dadurch erst schaffen. Wie im Film "Cloud Atlas" nimmt eine solche Sichtweise jeden Menschen in die Verantwortung aktiv an der Konstruktion unserer relational geteilten Welt teilzuhaben, was praktisch gesehen einen radikal-demokratischen und wahrscheinlich weitaus effektiveren Ansatz darstellt, um strukturelle Probleme wie den Klimawandel oder ungerechte Handelsbeziehungen (Young 2006: 114) anzugehen; jedenfalls effektiver als ein Konzept vom autonomen Selbst, das nur gefordert ist, sich um seine privaten Angelegenheiten zu kümmern (Whatmore 1997, Popke 2003: 302).
Die vierdimensionale Raum-Zeit
In ihrem kürzlich ins Deutsche übersetzten Artikel von 1992 "Politik und Raum/Zeit" schließt Doreen Massey (2011 [1992]) mit einer veralteten Konzeption des Raumes ab, derzufolge Raum ein starres Gebilde sei, das, durch das Fehlen von Zeitlichkeit, ohne jegliche Dynamik und damit a-politisch sei. Sie stellt überzeugend dar, dass diese Konzeption von Raum eine der klassischen, newton'schen Physik entnommende Vorstellung ist, da dort Raum und Zeit unabhängig voneinander existieren und Raum eine absolute Größe sein kann (ebd.: 123). Seit Einsteins Relativitätstheorie ist die Physik aber - und hier zitiert Massey (ebd.) den Physiker Russell Stannard (1989: 35) - dazu übergegangen, "Raum und Zeit nicht als getrennte Entitäten zu denken, die unabhängig voneinander existieren - ein dreidimensionaler Raum und eine eindimensionale Zeit. Stattdessen besteht die zugrunde liegende Realität aus einer vierdimensionalen Raum-Zeit". Es geht ihr nicht darum, so betont Massey (2011 [1992]: 123 f.), die Unterschiede einer räumlichen und zeitlichen Dimension aufzuheben, sondern die Wechselbeziehung zwischen Raum und Zeit und ihre Untrennbarkeit hervorzuheben. Eine alternative Raumvorstellung müsse also auch "auf die unwiderlegbare Vierdimensionalität (oder n-Dimensionalität) von Dingen" hinweisen, so dass Raum weder als statisch noch Zeit als raumlos aufzufassen sei (ebd. 127).
Doch wenn Raum keine absolute Größe ist, in welcher Form existiert er dann? - Die Existenz des Räumlichen stehe, so Massey, in Zusammenhang mit den Wechselbeziehungen von Objekten (ebd.: 124). Wenn Stannard (1989: 33) sagt, "Damit 'Raum' entstehen kann, braucht es zumindest zwei Partikel", sei das nichts anderes, als wenn "allgemein - selbst in den Sozialwissenschaften - behauptet wird, dass Raum nämlich nicht absolut ist sondern relational" (Massey 2011 [1992]: 124).
Diese Sichtweise wirft einen neuen Blick auf die Beziehungen zwischen Objekten. Diese "werden nicht im Raum und in der Zeit sichtbar, es sind vielmehr diese Beziehungen selbst, die Raum und Zeit schaffen und definieren" (Stannard 1989: 33, zit. n. Massey 2011 [1992]: 126, Hervorh. i. Or.). Raum nicht als absolut sondern relational anzusehen bedeute, die Elemente der Dislokation, der Freiheit und der Möglichkeit in das Konzept von Raum zu integrieren, was auch die Möglichkeit einer Politisierung von Raum/Raum-Zeit beinhalte (ebd.: 127). Mit anderen Worten: Die Abkehr vom starren zeitlosen Raum impliziert eine Dynamik, die bedeutet, dass wir nicht nur schauen müssen, wie der Raum aussieht, sondern auch, was dort passiert - dies zielt wohl auch auf die Diskurse und Praktiken ab, die von Akteur_innen in der Raum-Zeit vollzogen werden, und macht das Konzept dadurch auch politisch.
In ihrem abschließenden Plädoyer, stellt Massey (ebd.: 132) zusammenfassend fest, "dass das Räumliche integral an der Produktion von Geschichte und damit der Möglichkeit von Politik ebenso beteiligt ist wie das Zeitliche am Geographischen". Außerdem weist sie nochmals auf die "Untrennbarkeit von Zeit und Raum [und] ihre gemeinsame Konstitution durch die Wechselbeziehungen zwischen Phänomenen" hin und betont die "Notwendigkeit in Begriffen von Raum-Zeit zu denken."
Space-space statt space-time?
Die unentwirrbare Verflechtung von Raum und Zeit ist sicherlich eine wertvolle Erkenntnis, aber jüngere Überlegungen in der Physik legen nahe, dass dieses Modell vielleicht noch nicht ganz konsequent zuende gedacht ist. Die Physiker Amrit Sorli, Davide Fiscaletti und Dusan Klinar (2010, 2011) stellen das Konzept von drei räumlichen und einer zeitlichen Dimension (3D + T) in Frage - sie bevorzugen stattdessen eines mit vier räumlichen Dimensionen (4D), wie es auch in den mathematischen Berechnungen der Relativitätstheorie zugrunde gelegt wird. Was ist also Zeit? Sie ist ein Messsystem, das sich aus der Geschwindigkeit des Lichts ergibt. Uhren sind demnach Referenzsysteme um die Frequenz, Geschwindigkeit und die numerische Ordnung von räumlicher Veränderung zu messen (Sorli et al. 2010). Wenn Zeit letztlich räumliche Veränderung, also die Bewegung, die wir mit Uhren messen, ist, ergibt sich ein Bild, das unsere Welt vielleicht besser erklären kann. "Zeit" ist dann nicht mehr als ein Name für ein räumliches Phänomen, das wir entweder mit unserem Erinnerungsvermögen - also unserem inneren Referenzsystem - wahrnehmen können, z.B. indem wir es an einen wiederkehrenden Zirkel wie Tag und Nacht knüpfen, oder, deutlich genauer, an die Bewegung des Lichts im Raum.
Möglicherweise nehmen wir Zeit als etwas vermeintlich vom Raum getrenntes wahr, weil wir sie mit unseren Sinnen in erster Linie als linear empfinden. Einsteins Relativitätstheorie hat aber nicht nur nahegelegt, dass Raum und Zeit unentwirrbar miteinander verflochten sind, sondern auch, dass "die Richtung der Zeit von der Geschwindigkeit des Beobachters abhängt" (Hawking und Mlodinow 2010: 100). Dass Zeit eine Richtung hat, kann also durchaus im räumlichen Sinne verstanden werden.
Der Dimensionen mehr als vier?
Rob Bryanton verfolgt in seinem Projekt "Imagining the tenth dimension" (siehe Video weiter unten) einen interessanten Ansatz, indem er vom mathematisch-geometrischen Verständnis von Dimensionen ausgehend überlegt, wodurch sich die Dimensionen auszeichnen, die vielleicht "da" sind, wenngleich unsere Sinnesapparate nicht dafür gebaut sind sie zu "sehen". Es fällt uns nicht schwer einen Würfel, also ein dreidimensionales Objekt, zu denken - unsere Sinne sind dafür gemacht. Eine zweidimensionale Welt können wir uns ebenfalls noch recht gut vorstellen, auch wenn ein imaginäres Wesen, z.B. ein Quadrat, dort seine Umwelt völlig anders wahrnehmen würde, wie Edwin A. Abott in seinem Roman "Flatland: A Romance of Many Dimensions" von 1884 zeigt: Ein solches Wesen könnte sich auf seiner völlig flachen Ebene nur vorwärts und seitwärts bzw. in die vier Himmelsrichtungen (NSOW) bewegen, niemals aber nach oben oder nach unten, "in den Raum hinein". Ein Wesen in einer eindimensionalen Welt könnte sich lediglich auf einer Linie vor oder zurück bewegen. In einer nulldimensionalen Welt wäre hingegen der gesamte Kosmos in einem unendlich kleinen Punkt enthalten - er wäre alles und nichts (wir erinnern uns: "Damit 'Raum' entstehen kann, braucht es zumindest zwei Partikel"; Stannard 1989: 33).
Abb. 2: Null- bis vierdimensionale Objekte/Formen im mathematisch-geometrischen Sinne. Sie stehen jeweils orthogonal/"im rechten Winkel" zueinander: Punkte (0D) aneinander gereiht ergeben eine Linie (1D), Linien nebeneinander eine Ebene (2D), viele Ebenen übereinander ergeben den dreidimensionalen Raum (3D), orthogonal dazu ist Raum vierdimensional ineinander verflochten (4D).
Es geht bei diesen Gedankenspielen nicht darum zu behaupten, dass irgendwo in der Welt solche Wesen existieren, sondern um die mathematisch-geometrische Analogie, die daraus folgt, dass wir tatsächlich in einer mehr- bzw. n-dimensionalen Welt leben. Abotts (1884) Romanfigur - ein flaches Quadrat - kann sich absolut nicht vorstellen, was ein Würfel ist, weil es in einer zweidimensionalen Ebene namens "Flatland" lebt, bis es schließlich durch einen Besucher aus "Spaceland" in die dritte Dimension mitgenommen wird. Ebenso kann es sein, dass wir mit unseren Sinnen höhere Dimensionen nicht wahrnehmen können, obwohl sie vielleicht existieren. Flatland, das Buch von Abbott, gibt es dank seines hohen Alters frei verfügbar. Zur visuellen Unterstützung sind lohnenswert die Erläuterungen des Astrophysikers Carl Sagan sowie zwei unabhängige Verfilmungen: "Flatland - The Film" (komplett) und "Flatland: The Movie" (als Trailer).
Zum Glück müssen wir aber nicht unbedingt warten, bis uns ein "Wesen" aus einer höheren Dimension abholt. Denken wir die Analogie, dass viele Ebenen (2D) orthogonal gestapelt einen Würfel (3D) ergeben, weiter, dann ergeben viele Würfel hintereinander einen vierdimensionalen Raum (vgl. Abb. 2). Viele dreidimensionale Räume hintereinander sind im Grunde das, was wir als "Zeit" bezeichnen bzw. sich verändernder Raum, womit wir wieder bei Sorli et al. (2010, 2011) wären. Diese Analogien fortzuführen macht neugierig und wirft die Frage auf, was denn dann "im rechten Winkel" zur "space-time" bzw. zum vierdimensionalen "space-space" ist?
Kosmos = unendlich viele n-dimensionale Raumabfolgen?
Im Prinzip liegen außerhalb bzw. orthogonal zu der für uns wahrnehmbaren Linearität von Zeit (viele Räume hintereinander) theoretisch unendlich viele weitere "Zeiten" oder Raumabfolgen, auf die wir keinen Zugriff haben, was aber nicht automatisch heißen muss, dass sie nicht existieren. Diese Überlegung stellt Rob Bryanton in seinem Buch und Videoprojekt "Imagining the tenth dimension" an. Für ihn ist Zeit nicht linear, sondern wir stehen mit jeder Entscheidung vor einer Verästelung der Lebenswege in Form von unzähligen Handlungsmöglichkeiten, von denen jeder zwar linear in eine Wirklichkeit führt, was aber nicht heißt, dass die anderen Wirklichkeiten nicht existieren. Auch wenn wir uns letzlich für einen Weg entscheiden müssen, liegt in der Wahl der Richtung unser freier Wille.
Ob solche Vorstellungen von Raum und Zeit, wie die Bryantons, wahr sind, ist bislang nicht empirisch überprüfbar; sie sind letztlich höchstens denkbar. Überlegungen zu parallelen Wirklichkeiten werden allerdings auch in der Quantenphysik angestellt. Wenn ich das Experiment mache, eine handvoll Murmeln fallenzulassen, dann stellt sich am Ende ein bestimmtes Ergebnis, eine Anordnung der Murmeln im Raum ein, das aber auch völlig anders hätte ausfallen können. Dieses Experiment auf die Quantenmechanik, also den Mikrokosmos, übertragen, kommt der Physiker Brian Greene (2012) zu einer spannenden Perspektive auf die Wirklichkeit und die möglichen Ergebnisse bzw. Wege, die in ihr möglich sind:
"Obwohl die Quantenmechanik jahrzehntelang eingehend erforscht wurde und
dabei eine Fülle von Daten zusammengekommen sind, welche die mit ihrer
Hilfe berechneten Wahrscheinlichkeiten bestätigen, vermochte
bisher niemand zu erklären, warum sich in einer bestimmten Situation nur
eines der vielen möglichen Ergebnisse einstellt. [...] Diese
beträchtliche Wissenslücke gab im Laufe der Jahre Anlass zu vielen
kreativen Vorschlägen. Der verblüffendste war gleichzeitig einer der
ersten: Vielleicht, so die Aussage, ist die vertraute Vorstellung, jedes
Experiment würde zu einem einzigen Ergebnis führen, ja falsch. Die
mathematischen Grundlagen der Quantenmechanik - oder zumindest eine
Sichtweise darauf - legen die Vermutung nahe, dass alle
möglichen Ergebnisse sich auch einstellen, wobei jedes davon in einem
anderen Universum zu Hause ist. Wenn eine quantentheoretische Berechnung
vorhersagt, dass ein Teilchen hier oder dort sein könnte, ist es im einen Universum hier und im anderen ist
es dort. Und in jedem derartigen Universum befindet sich auch ein
Exemplar von uns, die wir das eine oder andere Ergebnis beobachten und -
zu Unrecht - glauben, unsere Realität sei die einzige. Wenn man sich
klarmacht, dass die Quantenmechanik die Basis aller physikalischen
Prozesse darstellt, von der Verschmelzung der Atome in der Sonne bis zu
den Nervenimpulsen, die das Substrat für unser Denken bilden, wird die
Tragweite einer solchen Vorstellung deutlich. Sie besagt, dass es keine
verpassten Chancen, keine nicht eingeschlagenen Wege gibt. Aber jeder
derartige Weg - jede Wirklichkeit - ist vor allen anderen verborgen"
(Greene 2012: 15 f.; Hervorh. i. Or.).
Es geht mir auch hier nicht um esoterische Interpretationen davon, wie wir in eine höhere, fünfte Dimension "aufsteigen" können, um mit fremden Wesen oder Alter Egos in Parallelwelten "Kontakt aufzunehmen". Wenn wir unsere vierdimensionale Existenz "transzendieren" können, dann in einem gedanklichen Sinne - und dies ist einen Versuch wert: Die mathematisch-geometrische Analogie fortzusetzen und die Relativität der Raumzeit bzw. das Bild von Zeit als sich verändernder Raum (Sorli et al. 2010, 2011) sowie die theoretische Möglichkeit der Existenz von Paralleluniversen (Greene 2012) einzubeziehen, würde bedeuten, dass unsere Wirklichkeit weitaus mehr räumliche Dimensionen haben kann, als wir im Alltag wahrnehmen. Es würde bedeuten, dass unsere Reise durch die "Zeit" (von der Geburt bis zum Tod) nicht so linear ist, wie sie zunächst erscheinen mag. Sie könnte vielmehr eine Reise durch den "space-space" sein, von der wir nicht unbedingt etwas mitbekommen, weil es für uns traditionellerweise erscheint, als ob wir in einem Zug säßen, den wir weder lenken, noch anhalten können und in dem wir praktisch immer das Gefühl haben, nach vorne zu fahren. In Wirklichkeit funktioniert dieser Zug vielleicht aber ganz anders - Was, wenn wir es wären, die nicht nur die Weichen stellen, sondern ständig die Schienen neu verlegen würden?
Unsere alltäglichen Entscheidungen und Handlungen könnten es sein, die darüber entscheiden in welche Position des Multiversums wir uns bewegen. Dies mag sich zeitlich anfühlen, denn ich treffe eine Entscheidung, führe sie aus und blicke aus der Zukunft zurück in die Vergangenheit auf meine Handlung zurück. In Wirklichkeit war all dies räumlich: Von der Ausgangsposition A (bzw. "Zeitpunkt A") aus habe ich mich in die Richtung der Wirklichkeit von Pos. B bewegt, dies war aber nur das eine Ergebnis/ein spezifischer Weg für den ich mich entschieden habe. Von Pos. A aus gesehen, hätte ich aber noch weitere Möglichkeiten (B-2, B-3, B-4...B-n) Wirklichkeit werden lassen können. Da ich - als "Gefangener" der Linearität der Zeit - mich nun aber für B-1 entschieden habe, kann ich nie mehr zu Pos. A zurück. Die Raumabfolge A_B-2 mag zwar existieren (in einem Paralleluniversum), aber ich bin bereits in der Abfolge A_B-1 "gefangen", in der jedes "_" ein Quantensprung ist. Die Metapher vom "Gefangenen" täuscht allerdings über eines Hinweg: Ich habe von A_B-1 aus gesehen immernoch C-n! Jeden Moment aufs Neue bin ich vor eine Entscheidung gestellt in welche Richtung der n-dimensionalen Raumabfolge ich gehen möchte. Jedesmal tut sich aufs Neue eine Verästelung von alternativen Möglichkeiten auf, von denen ich mich für einen Weg entscheiden muss, selbst, wenn ich vermeintlich "nichts tue".
Rückblickend mag unser Leben schicksalhaft erscheinen, alles ist mehr oder weniger erklärbar, eine vermeintlich notwendige Kette von Kausalitäten. Wenn wir so denken und daraus "Schicksal" ableiten, ignorieren wir, dass wir im unendlich kleinen Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft immer wieder dazu gezwungen werden zu handeln, dass dies aber jedesmal mehrere, vielleicht unendlich viele Möglichkeiten impliziert (deren Unterschied darin liegen mag, ob ich meinen kleinen Finger eine gegen unendlich gehend kleine Raumeinheit weiter oder weniger weit krümme). Spürbar wird die Tragweite dieses Konzepts aber kaum an meinem kleinen Finger. Ihn einen Tick anders zu bewegen, würde diesem Verständnis nach zwar durchaus bedeuten, dass ich sozusagen räumlich in ein neues "Paralleluniversum" eintrete, aber dieses "Universum" läge räumlich so nahe an meiner Ausgangsposition A, dass ich keinen signifikanten Unterschied wahrnehmen könnte. Es gibt wahrlich wichtigere Entscheidungen.
Vom relationalen Raumbegriff zu neuen Perspektiven auf Verantwortung
Zeit geht, wenn wir sie so denken wollen, nicht an uns vorüber, sondern wir bewegen uns durch den sich
verändernden Raum mit fortwährenden Handlungsentscheidungen in jeweils
neue Wirklichkeitsrichtungen. Zu einer gewissen Geschwindigkeit sind wir
dabei offenbar gezwungen, vielleicht sind wir mit unserer Geburt
"angestupst" worden und müssen bis an unser Lebensende durch den
mindestens vierdimensionalen Raum steuern, ein wenig wie Sandra Bullock
als Busfahrerin im Film "Speed"
(USA, 1994), die einerseits nicht anhalten kann, da bei der
Unterschreitung einer bestimmten Geschwindigkeit eine Bombe detoniert,
andererseits aber geschickt manövrieren muss, um zu überleben.
Diese Sichtweise deckt sich besser mit aktuellen Begriffen von Raum und
Zeit in der Physik und sie spiegelt sich in poststrukturalistischen und
relationalen Ansätzen der Sozialwissenschaften wieder. Forderungen nach
einer relationalen Ethik (Whatmore 1997) lehnen Begriffe eines autonomen
Selbst, also einem von seiner Umwelt trennbaren Individuum ab und
betonen die weitreichenden Verbindungen, die unsere Wirklichkeit
ausmachen. Dies nimmt uns letztlich alle in die Verantwortung die Raum
und Zeit übergreifenden Verbindungen in unsere Entscheidungen einfließen
zu lassen. Wie die Figuren in "Cloud Atlas" zeigen, nehmen wir über
unsere Handlungen aktiv an der Konstruktion unserer eigenen und der
Zukunft anderer teil bzw. wir beeinflussen unsere Bewegung in die
räumliche Richtung, in der unsere Zukunft liegt, mit. Bei allen uns
hemmenden Strukturen - es gibt immer die Möglichkeit - und vielleicht
liegt darin unsere Verantwortung - sich aktiv zu bemühen, das Ruder
rumzureißen, um in diejenige Wirklichkeit zu navigieren, in der wir sein wollen.
Wahrscheinlich werden die wichtigen Entscheidungen über Leben und Tod, Liebe und Hass nirgendwo monumentaler in Szene gesetzt, als in Hollywood. In "Cloud Atlas" sind es überwiegend große Heldentaten, die die Welt wesentlich verändern - wer wollte auch einen Film sehen, indem ich die Welt verändere, indem ich meinen kleinen Finger krümme? Es gibt jedoch auch in "Cloud Atlas" Hinweise auf die Bedeutung vermeintlich kleiner Dinge, die uns letztlich zur unvermeidlichen Kollektivität unseres Handelns zurückführen. Zurück in Europa um 1849 entschließt sich Adam Ewing nicht mehr in die Plantagengeschäfte mit Sklav_innen zu investieren. Empört erinnert ihn sein Vater/Onkel(?) an die "natürliche Ordnung der Dinge", an denen ein "kleiner Tropfen" inmitten eines Ozeans nichts ändern könne. Ewings Gegenfrage - was, wenn nicht eine große Ansammlung kleiner Tropfen, solle denn ein Ozean sein - ist letzlich eine ähnlich positive Vision von in die Zukunft gerichteter kollektiver Verantwortung, wie sie die Politikwissenschaftlerin Iris Young (2006) in ihrem "social connectivity model of responsibility" vertritt. In der Geographie ist es schließlich Doreen Massey, die, vermutlich von ihrer "Politisierung von Raum/Raum-Zeit" (2011 [1992]: 127) ausgehend, zu einer Forderung nach einer Politik der Konnektivität gelangt, derzufolge Verantwortung nicht nur für die räumlich und sozial Nächsten übernommen werden müsse, sondern auch für anonyme Fremde (Massey 2004).
Dies führt zur Auseinandersetzung mit strukturellen Prozessen wie dem anthropogenen Klimawandel oder Armut durch ungerechte Handelsbeziehungen, die durch das kollektive Handeln ausgelöst werden, was eine klassische Schuldzuweisung und Haftbarkeit schwierig macht (Young 2006: 115). In Anlehnung an Young und Massey weisen Jackson et al. (2009: 21), die sich mit den relationalen Verbundenheiten und Abkoppelungen von Konsument_innen zu ihren Nahrungsmitteln beschäftigen, darauf hin, dass alle in die Warenkette Involvierten immer auch an der Produktion von Bedeutung beteiligt sind und somit Verantwortung tragen. Eine Trennung von moralischen und politischen Aspekten in der Wirtschaft, insbesondere im Umgang mit Lebensmitteln, sei daher unhaltbar.
Eine solchen Verantwortungsbegriff möchte ich auch in meiner Dissertation vertreten, in der ich mich damit beschäftigen werde, wie Menschen über ihre Ernährung Verantwortung übernehmen. Ich werde dabei auf der Absicht Harald Lemkes (2012: 18) aufbauen, der uns
"mit einem ungewohnten schlichten Gedanken vertraut […] machen [will]. Und zwar mit der gastrosophischen Erkenntnis, dass das Essen politisch ist. Vielleicht ist gegenwärtig nichts politischer. Gewiss aber ist das Essen politischer als dies vielen lieb ist […] Heute ist eine Revolution der Denkart erforderlich, die unser Verhältnis zur Welt und zu uns selbst aus dem Dogma eines entpolitisierten Ernährungsbewusstseins befreit: Der vorherrschenden Denkgewohnheit, welche uns glauben macht, Essen sei ein rein privates Vergnügen unserer Innerlichkeit, das nichts mit der äußeren Welt zu tun habe. Leider entspricht dies nicht den Tatsachen. Spätestens im Zeitalter des globalen Kapitalismus und dessen weltweiten Wirtschaftsverflechtungen stellt jedes Lebensmittel und jeder Essakt komplexe Beziehungen unter unzähligen Menschen und nicht-menschlichen Lebewesen und Realitäten her […] Ob wir es wollen oder nicht: Das Essen politisiert uns. Noch die unpolitischste Person kann nicht anders, als politisch agieren, um sich zu ernähren".
Es sind also nicht nur Großtaten, sondern vor allem die vermeintlich kleinen, alltäglichen Dinge wie das Essen, die unsere relationale Wirklichkeit erschaffen und für die Interdependenzen zwischen Menschen sorgen. So machtvoll einige Strukturen sind und so natürlich sie erscheinen mögen, wir haben tatsächlich einen freien Willen, was uns im Rahmen unserer Möglichkeiten, die freilich durch Physik und unser Bewusstsein begrenzt werden, dazu befähigt, aktiv an der Konstruktion unserer relational geteilten Welt mitzuwirken.
Um abschließend noch einmal nach Hollywood zurückzukehren: Der Überwindung der düsteren Perspektive in "Matrix" - wir wissen nicht, ob unsere Wirklichkeit wirklich ist - folgt in "Cloud Atlas" eine recht optimistische Vision: Werden wir aktiv und bewegen uns in die Richtung der Wirklichkeit, in der wir sein wollen! Auch wenn wir nicht allmächtig sind, ohne Einfluss sind wir auch nicht. Für das "wahr-wahr" im "space-space" sind wir also mitverantwortlich.
Referenzen:
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Die Doppelspitze der Geozentrale ist seit kurzem geographisch zertifiziert. Am 28. Juni haben wir in Mainz unsere Diplom-Urkunden entgegen genommen.
Wir möchten uns bei allen bedanken, die uns während unseres Studiums an der Uni Mainz begleitet, benotet und motiviert haben. Als Diplomgeographen sind wir zwar Studienordnungs-technisch Auslaufmodelle, könnten uns aber nicht besser für die Zukunft gerüstet fühlen. An der Schnittstelle zwischen Natur- und Sozialwissenschaften nimmt die Geographie eine Sonderstellung ein. Wie geht der Mensch mit seiner Umwelt um und wie wirkt sich eine veränderte Welt auf den Menschen aus? Aus diesen Fragen erwachsen immer wieder spannende Forschungsthemen, die wir auch in Zukunft in der Geozentrale vorstellen und diskutieren wollen.
Deshalb würden wir uns mehr denn je über tatkräftige Unterstützer_innen freuen, die weiter fleißig Artikel zu aktuellen (oder einfach nur interessanten) geographischen Themen beisteuern wollen.
Für die Zukunft alles Gute aus der Geozentrale,
Dipl.-Geogr. Simon Argus und Dipl.-Geogr. Steffen Hirth
Während in der Werbung für Milchprodukte stets Räume der Natürlichkeit und Nachhaltigkeit kommuniziert werden, zeichnen sich vorherrschende Produktionsweisen durch industrielle Methoden aus. In meiner Diplomarbeit unterziehe ich Werbeanzeigen und Internet-Auftritte einer symbolischen Bildinterpretation, um zu prüfen, inwiefern die Molkereien mittels Naturalisierungen konventionelle Produktionsweisen legitimieren und so ihren Anteil an Klimawandel, Hungerkrise und gesundheitlichen Folgen für die Konsument_innen tragen. Aber auch letztere stehen auf dem Prüfstand - darf Ernährung angesichts der ökologischen, human- und tierethischen Folgen eigentlich ausschließlich Privatsache sein?
Wenn es um Nachhaltigkeit in der Ernährung geht, steht der Fleischkonsum meist im Fokus der Kritik: Konventionelle Rinder werden z.B. mit gentechnisch verändertem Soja aus ehemaligen Regenwaldgebieten Brasiliens gefüttert (Walker et al. 2009) und Darstellungen von glücklichen Tieren (vgl. Klose & Schmelz 1987) haben in den letzten Jahrzehnten an Glaubwürdigkeit verloren (NGO's zum Thema: Foodwatch, Greenpeace, Oxfam,WWF oder die Zusammenfassung des Weltagrarberichts Wege aus der Hungerkrise). Der Konsum von Milchprodukten hingegen, wird trotz vergleichbaren Auswirkungen seltener problematisiert, weshalb Molkereien bei der Vermarktung nach wie vor sehr auf Agrarromantik setzen.
Das Konzept der Naturalisierung
Abb. 1: LZ Nr. 45, 2010.
Wenn z.B. Arla (Buko Frischkäse, Kærgården Butter) schreibt, dass seine Produkte "100% natürlich - ohne Bindemittel oder andere Zusatz- und Konservierungsstoffe sowie Geschmacksverstärker" (vgl. Abb. 1) sind, dann kann dies als Naturalisierung bezeichnet werden. Dieses Konzept findet vor allem in der Soziologie seine Beachtung, etwa bei Stuart Hall (2004: 130). Er kritisiert die rassistische Gleichsetzung von Menschen dunkler Hautfarbe mit Natur und erklärt die Logik, die hinter dem Naturalisieren steht:
"Wenn die Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen 'kulturell' sind, können sie modifiziert und verändert werden. Wenn sie jedoch 'natürlich' sind [...], dann befinden sie sich jenseits von Geschichte, sind permanent und festgeschrieben."
Die Festschreibung von Geschlechterrollen durch Aussagen darüber, was z.B. für eine Frau natürliches Verhalten sei (Ullrich 2004: 113), ist ein ähnliches Prinzip. Frauen werden eben, wie schon Simone de Beauvoir sagte, nicht als Frauen geboren, sie werden zu solchen gemacht - für Männer gilt selbiges wohlgemerkt auch. So stellt Paula-Irene Villa (2001: 176) fest, dass es...
"nicht darauf ankommt, was Natur ist. Vielmehr lautet die ergiebige Frage, was und wie zur Natur sozial gemacht wird" bzw. "wie das Verhältnis von Natur und Kultur in einer Gesellschaft jeweils gedacht und gelebt/erlebt wird."
Auch Geographen, wie Christian Berndt und Marc Boeckler (2005), beschäftigen sich mit Naturalisierung. Am Beispiel des Nürnberger Stadtteils Werderau zeigen sie, wie dort im Zuge von Territorialisierung der Mythos einer quasi-natürlichen Gemeinschaft produziert wurde, mit dem sich alteingesessene Bewohner_innen von "fremden" Eindringlingen - vorwiegend Ausländer_innen - abgrenzen, um ihren "natürlichen" Besitzanspruch geltend zu machen.
Naturalisierung ist folglich ein Mittel gesellschaftlicher Strukturierung, mit dem bestimmte Akteure häufig ihre Interessen und Machtansprüche durchsetzen wollen. Dabei handelt es sich um sozial konstruierte, prinzipiell veränderliche Attribute, die im Kleide der Natürlichkeit, d.h. der Unveränderlichkeit daher kommen. Wenn Arla also in seiner Werbung die ganze Aufmerksamkeit auf den Verzicht auf chemische Zusatzstoffe lenkt und seine Produkte aufgrund dessen als "natürlich" bezeichnet, dann unterbindet es auch andere Interpretationsmöglichkeiten von Natürlichkeit. Dass die beworbenen Produkte aus konventioneller Landwirtschaft sind und somit beim Anbau der Futtermittel synthetische Düngemittel und Pestizide verwendet werden, und dass Biozide und Antibiotika in der konventionellen Tierhaltung verstärkt zum Einsatz kommen, dies scheint der "Natürlichkeit" der Produkte, geht es nach Arla, keinen Abbruch zu tun. Ganz zu schweigen vom Einsatz von gentechnisch verändertem Soja in der Fütterung, für den die Molkerei von Greenpeace Dänemark (2008) kritisiert wird.
Zentrale Muster der Naturalisierung
Aus den Formulierungen und Symbolen, die in der Öffentlichkeitsarbeit der Milchwirtschaft verwendet werden, habe ich in meiner Analyse die gehäuft auftretenden Naturalisierungen extrahiert. Das allumfassende Leitmotiv, das alle untersuchten Molkereien verwenden, ist die Farbe Grün, die symbolisch zum Einen für die Natur als Ganze steht, zum Anderen aber auch für die Fütterung der Kühe mit frischem Gras. Je nach regionalem Schwerpunkt der Molkereien finden sich immer wieder Alpengipfel, grüne Hügel- oder Wiesenlandschaften, meist Wildblumen und stets strahlend blauer Himmel.
Abb. 2: LZ Nr. 35, 2010.
Die "rohe" Natur (vgl. Williamson 1978: 103) hat zwar ihren ästhetischen Wert und wird visuell in der Werbung ausgiebig gefeiert, häufig - gerade in der Sprache - wird sie jedoch auch als rückständig kommuniziert und der Kultur und Technik gegenüber gestellt. So betonen die Unternehmen die Anwendung moderner technischer Verfahren zur Verarbeitung der Milch und weisen auf ständige Hygiene- und Schadstoffkontrollen hin. Werbung, die Milchreis mit dem Slogan "schmeckt wie bei Oma" bewirbt (vgl. Abb. 2), verweist vor allem visuell auf die pittoreske, liebenswerte und sorgfältige Handarbeit einer frühindustriellen Epoche, stellt sie aber zugleich als überholt dar, denn der mit Hilfe von Innovation und Technik produzierte Milchreis sei absolut ebenbürtig.
Dieses modernistische Werteverhältnis von Natur und Kultur, in dem der Mensch die rückständige Natur überwindet, wird aber nach Belieben umgekehrt: Fast alle Unternehmen werben mit dem Verzicht auf chemische Zusatzstoffe, insbesondere Konservierungsstoffe. Landliebe wirbt zudem mit "artgerechter Tierhaltung" und bezeichnet sich als die "einzige deutsche Molkereimarke, die ihre Kühe mit traditionellen Pflanzen füttert" (zit. in Hirth 2011: 51). Die Unternehmen nehmen damit Bezug auf gesellschaftliche Diskurse, in denen bestimmte moderne Produktionspraktiken kritisch gesehen werden (z.B. Massentierhaltung, Schadstoffeintrag, Gentechnik) und suggerieren im gleichen Zug die Naturbelassenheit bzw. eine Renaturalisierung ihrer Produktion. Zu diesem Muster gehören auch die zahlreichen Traditionsbezüge, etwa die Milchkannen aus Metall, die mit dem heutigen Tetra-Pak-Alltag im Supermarkt wenig gemein haben. Fachwerkhäuser, Holzhütten, geflochtene Körbe, wettergegerbte Holztische und -zäune, Menschen in Trachten, aber auch Verweise auf Handarbeit, wie den Transport der Milch per Handkarren oder das Mähen mit der Sense, gehören in diese Kategorie (ebd.: 80).
Abb. 3: Comic für Kinder auf der Website von Weihenstephan. Text
der Sprechblasen (hier nicht im Bild): Junge zu Onkel Alfred: "Sag bloß,
die Milch wird aus Gras gemacht?" Onkel Alfred: "Hahaha! Nein,
natürlich nicht. Aber unser gutes Futter gehört schon dazu, damit die
Kühe die Milch machen können. Denn viele wichtige Nährstoffe, die die
Kuh frisst, sind später auch in der Milch." (vgl. Hirth 2011: 169).
Verweise auf Vitalität, Sport und die Darstellung blonder und - auch wenn es Geschmackssache ist - attraktiver Menschen, stehen für ein symbolisches Feld zwischen Unschuld, Lebensfreude und Gesundheit, durch das der Milchkonsum als eine lebensnotwendige und damit natürliche Sache kommuniziert wird (ebd.: 82). Neben dem Konsumenten-Glück ist auch das der Kühe ein häufiges Motiv, sei es durch "gutes Futter", Weidegang oder die Haltung in kleinen familiären Betrieben. Außer Frage steht die symbolische Bedeutung der körperlichen wie seelischen Unversehrtheit der Tiere, für die gesundheitliche und ethische Unbedenklichkeit der Milchprodukte. Nirgends wird dies deutlicher als in Weihenstephans Comic für Kinder (vgl. Abb. 3).
Vom Verhältnis von Natürlichkeit und Nachhaltigkeit
Bleiben wir beim Beispiel Weihenstephan: Der Müller-Konzern wirbt nach der Übernahme der ehemaligen bayrischen Staatsmolkerei noch immer mit dem Slogan 1000-jähriger Tradition (Hirth 2011: 66). Visuell suggeriert die Marke dementsprechend auch eine traditionelle Bewirtschaftung in Grünlandwirtschaft - die Kühe fressen frisches Gras von der Wiese, während der Bauer mit der Sense das Heu für den Winter beschafft (vgl. Abb. 3).
Bei der Erzeugung von Milch in einer solchen extensiven Produktionsweise wäre das Verhältnis von Energieaufwand zu Energieertrag etwa 1:3 - (Nahrungs-)Energie wird gewonnen (vgl. Leitzmann & Keller 2010: 326). Weihenstephan könnte sich, im Bewusstsein eine wahrhaftig nachhaltige Produktionsweise zu betreiben, nun selbst auf die Schulter klopfen. Die Fakten sprechen leider dagegen...
Abb. 4: PCR-Analyse: Gen-Soja im Futtertrog
Wird die Milch nämlich intensiv produziert (unter Einsatz von Futterpflanzen, wie Soja, Mais und Getreide, künstl. Düngemitteln, Pestiziden) liegt das Verhältnis bei 10:1 (ebd.) - es wird zehnmal mehr Energie hineingesteckt, als dabei gewonnen wird. Letztlich ist es die im Erdöl hochkonzentrierte Energie, die dieses Verhältnis möglich macht. Futtermittelproben von Greenpeace legen nahe, dass Weihenstephan und andere konventionelle Molkereien überwiegend intensiv produzieren (lassen). Der Anteil von gentechnisch verändertem Soja im Futter reichte bei der PCR-Analyse vereinzelt bis zu 100 Prozent (vgl. Abb. 4).
Die Ergebnisse von Maria Ehrlich (2006: 11) legen nahe, dass der Anteil von Mais im Futter bei Weihenstephan und Bärenmarke (ca. 30 bis 40%) gerade im Vergleich mit bio-zertifizierten Molkereien relativ hoch ist, während der Gehalt an gesunden Omega-3-Fettsäuren umso niedriger ist (vgl. Abb. 5). Wie Ehrlich (2006: 18) resümiert, kann die "konventionelle 'Alpenmilch' entgegen ihrer Werbung, und wahrscheinlich entgegen der Assoziationen der Verbraucher mit dem Begriff Alpenmilch, nicht allein mit grünlandbasierten Futterrationen in der Bergregion erzeugt worden sein."
Abb. 5: Untersuchung von Molkereimilchprodukten aus Deutschland. Gehalt an Omega-3-Fettsäuren in mg/g Fett geordnet nach abnehmenden Gehalt und der berechnete Maisanteil in Prozent; k = konventionell, ö = ökologisch, Allgäuer Alpenmilch = Bärenmarke (Quelle: Ehrlich 2006: 11).
Die in der naturnahen alpenländischen Kulisse beworbene Milch von Weihenstephan und Bärenmarke ist folglich nicht nur weniger gesund, sie ist durch den Einsatz von (gentechnisch verändertem) Soja und Mais auch unter weitaus größerem Energieaufwand hergestellt, als bio-zertifizierte Vergleichsprodukte mit höherem Grünland-Anteil. Die visuelle Präsentation der Molkerei-Unternehmen entspricht zwar relativ exakt dem, was als nachhaltige Produktionsweisen bezeichnet werden kann - die faktischen Produktionsweisen stehen jedoch in vieler Hinsicht im Widerspruch dazu.
Industrielle Produktion und Ernährungssicherheit
Beim Verbrauch tierischer Produkte besteht eine signifikante Diskrepanz zwischen reichen und armen Ländern: Je höher das Durchschnittseinkommen, desto höher der Verbrauch tierischer Produkte. Während Deutschland z.B. im Käseverbrauch mit 20 kg pro Kopf im Jahr 2007 an der Spitze liegt, waren es im weltweiten Durchschnitt 3 kg und in den ärmsten Ländern nur 380 Gramm - ähnliche Tendenzen gelten für Milch, Fleisch und Eier. Gemüse hingegen scheint in den meisten deutschen Haushalten eher Beilage zu sein: Mit 89 kg liegt der Pro-Kopf-Verbrauch unter dem weltweiten Durchschnitt von 120 kg (Hirth 2011: 98 f. nach Daten der FAO und des BMELV).
Offensichtlich wird der hohe Konsum tierischer Produkte in "westlichen" Ländern durch die intensive industrielle Produktion ermöglicht. Während Werbe-Kühe ihre Nahrung ausschließlich durch Grasen auf der Weide zu sich nehmen, haben 84 Prozent der Kühe in Bayern gar keinen Weidegang (Stat. Bundesamt 2011: 39). In der Regel werden Milchkühe nach vier bis fünf Jahren geschlachtet, weil ihre Milchleistung abnimmt; theoretisch hätten sie eine natürliche Lebenserwartung von etwa 25 Jahren (vgl. tier-im-fokus.ch). In Deutschland nahm die Zahl der gehaltenen Milchkühe zwischen 1995 (5,3 Millionen) und 2009 (4,2 Millionen) deutlich ab, während die Menge der erzeugten Milch sogar leicht zunahm; eine Kuh produzierte demnach 1995 durchschnittlich 14,9 kg Milch am Tag, 2009 schon 19,1 (Stat. Bundesamt 2010: 10). Dieses Plus an Leistung wird durch Kraftfutter (aus eiweißreichem Soja, Mais und Getreide), aber auch durch Einsatz von Bioziden und Antibiotika erbracht, die im Verdacht stehen, beim Menschen Resistenzen hervorzurufen (SCENIHR 2009: 26).
Wie oben erwähnt, ist das Verhältnis von Energie-Input und Output bei intensiver Produktionsweise negativ. Was passiert jedoch, wenn die derzeit wichtigste Energiequelle, Erdöl, immer teurer wird? Auch die Bundeswehr beschäftigt sich in einer Studie mit dieser Frage:
"Der durch den Peak Oil zu erwartende massive Anstieg der Rohölpreise verteuert zusätzlich energieintensive landwirtschaftliche Betriebsmittel wie Dünger und Pflanzenschutzstoffe sowie den Transport der landwirtschaftlichen Zwischen- und Fertigprodukte. […] Unter den steigenden Nahrungsmittelpreisen leiden vor allem einkommensschwache Schichten in den Städten und die Landbevölkerung – soziale Scheren öffnen sich weiter. Angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums vorwiegend in den Entwicklungsländern verschärft sich möglicherweise die Problematik einer regionalen Nahrungsmittelunterversorgung bis hin zu Hungerkrisen." (Zentrum für Transformation der Bundeswehr 2010: 27)
Mit über einer Milliarde Hungernder erreichte die Hungerkrise 2009 ihren vorläufigen Höhepunkt (FAO 2010: 8). Verantwortlich dafür waren nach Armin Paasch (2009: 45) der "steigende Einsatz von Agrarrohstoffen wie Soja und Mais für Agrartreibstoffe, steigender Fleischkonsum und Futtermitteleinsatz, witterungsbedingte Ernteausfälle […], steigende Energiepreise, sinkende Lagerbestände sowie die ausufernde Spekulation an den Warenterminbörsen." Dass es noch im Jahr 2008 eine Rekordgetreideernte gegeben hatte, zeigt, dass nicht die Nahrungsmittelknappheit an sich, sondern die ungleiche Verteilung finanzieller und materieller Ressourcen der wichtigste Faktor für Hunger sind (ebd.; vgl. auch FAO 2010: 8, Testart & Apoteker 2010: 69; für eine geogr. Sichtweise ist Nally 2011: 49 sehr empfehlenswert).
Multinationale Lebensmittelkonzerne, wie Nestlé oder Kraft Foods, vor allem aber Saatgut- und Agrochemiekonzerne wie Monsanto, Dupont, Pioneer, Syngenta sowie die deutschen Konzerne BASF und Bayer, setzen auf Gentechnik. Mit Verweis auf die steigende Weltbevölkerung fordern diese Unternehmen höhere Produktivität und legitimieren so die industriellen Produktionsweisen und die Gentechnik (z.B. BASF in diesem Video). Tatsächlich trägt die Gentechnik wenig zur Reduktion des Hungerproblems bei, denn "99,9% der gentechnischen Veränderungen entfallen […] auf Soja, Mais, Baumwolle und Raps und dienen vor allem der Produktion von Futtermitteln, Textilien und Agrartreibstoffen." (Paasch 2009: 51).
Die momentan höhere Produktivität agroindustrieller Produktionsweisen sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie im Prinzip vollständig von der Verfügbarkeit von Erdöl abhängig sind. Zudem tragen sie über die Emissionen von Lachgas beim Abbau von Stickstoffdünger und von Kohlendioxid beim Einsatz von Maschinen sowie der Produktion von Düngemitteln und Pestiziden erheblich zum anthropogenen Klimawandel bei (McIntyre et al. 2009: 46 f.), der die Ernährungssicherheit, vor allem durch die Zunahme von Extremwetterereignissen, zusätzlich gefährdet (vgl. Rahmstorf & Schellnhuber 2007: 70).
Ineffizienz tierischer Nahrungsmittel
Abb. 6: Treibhauseffekt von Nahrungsmitteln (Foodwatch)
Welche Produkte konsumiert werden, hat sehr unterschiedliche Folgen für das Klima. Ökologischer Landbau verursacht zwar tendenziell weniger Treibhausgase als konventioneller (mit Ausnahme von Bio-Rindfleisch aus Mast - die Tiere bleiben länger am leben und verursachen daher mehr Emissionen), aber die weitaus größere Hebelwirkung liegt in der Frage, ob pflanzliche oder tierische Nahrungsmittel konsumiert werden und wie stark diese verarbeitet werden (vgl. Abb. 6). Tierische Nahrungsmittel sind generell deutlich klimaschädlicher als pflanzliche. Mit 18 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen trägt die Tierhaltung sogar mehr zum Klimawandel bei, als der Verkehrssektor mit 11 Prozent (FAO 2006: 112).
Dieser Umstand hat auch mit der Ineffizienz tierischer Nahrungsmittel zu tun, die auch mit dem Begriff der sogenannten Veredelungsverluste beschrieben wird. In Nahrungsenergie gerechnet, ist das Verhältnis von Input (Futter) zu Output (tierisches Erzeugnis) bei Milch 8:1 (ähnliche Werte gelten für Fleisch oder Eier; vgl. Leitzmann & Keller 2010: 327). Sieben Einheiten Nahrungsenergie z.B. in Form von Getreide, das verfüttert wird, gehen dabei verloren, weil die Kuh für die Aufrechterhaltung ihres Organismus ja selbst Energie verbraucht. Die acht pflanzlichen Einheiten hätten aber ebensogut dem direkten menschlichen Verzehr zukommen können. Dem großen Geographen Alexander von Humboldt (1769-1859) wird folgendes Zitat nachgesagt:
"Wo ein Jäger lebt, können zehn Hirten leben, hundert Ackerbauern und tausend Gärtner." (zit. n. Skriver 1980: XXII)
Die achtfache Menge Nahrungsenergie auf derselben Fläche zu erzeugen, ist auch im Hinblick auf die Hungerkrise ein wertvoller Gedanke, wenngleich dies noch nicht das oben genannte Verteilungsproblem löst. Wenn in einigen Gegenden Deutschlands beim Blick in die Landschaft überwiegend Maisfelder zu sehen sind, dann dementsprechend nicht, weil die Deutschen so gerne Mais essen, sondern weil der Großteil der landwirtschaftlichen Fläche - in Deutschland 58 Prozent - für den Anbau von Futtermitteln verwendet wird (BMELV 2010). Pflanzliche an Stelle von tierischen Nahrungsmitteln zu produzieren, bietet ein weitaus größeres Potential zur Herstellung einer größeren Menge an Nahrung, als dies etwa die kurzfristig zu erwartenden Produktivitätszuwächse durch den Einsatz von Gentechnik bieten.
Bogen schlagen, Kurve kriegen
Die Bedrohungen durch die Produktion tierischer Nahrungsmittel für Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft wurden oben erläutert, wobei zugunsten der Übersichtlichkeit auf einige problematische Aspekte gar nicht eingegangen werden konnte, z.B. der Anteil tierischer Produkte an sogenannten Zivilisationskrankheiten, wie Diabetes oder anderen Herz-Kreislauferkrankungen (dazu mehr bei Leitzmann & Keller 2010).
Betrachten wir die Warenkette von ihrem Ende ausgehend, liegt das Problem bei denjenigen privilegierten Konsument_innen, die viele tierische Produkte kaufen wollen und dies möglichst billig. Natürlich sind auch die Politiker_innen gefragt, geeignete gesetzliche
Vorgaben zu erlassen, um ökologische und soziale Nachhaltigkeit zu
gewährleisten. Eine Lebensmittel-Ampel wäre ein Anfang (vgl. z.B. Foodwatch), die Internalisierung ökologischer Kosten in die Produkte
und gerechtere Handelsbeziehungen mit Menschen aus dem sogenannten Globalen
Süden wären weitere wichtige Schritte.
In ihrem Aufsatz "Moral economies of food and geographies of responsibility" verwenden Jackson et al. (2009) die Begriffe "remembering and forgetting", "connecting and disconnecting" und "visibility and invisibility", um die diversen relationalen Bezüge von britischen Produzent_innen und Konsument_innen zu ihren Lebensmitteln zu erklären. Beispielsweise zeigen sie, dass die befragten Konsument_innen bei Hühnchenfleisch einerseits auf britische Herkunft achteten, also Verbindungen zur Regionalität und zur vermeintlich besseren Qualität zogen (remembering, connecting, visibility), andererseits wollten sie gar nicht so genau über die Bedingungen der Schlachtung bescheid wissen (forgetting, disconnecting, invisibility). In Anlehnung an Doreen Masseys (2004) "geographical responsibility" und Iris Youngs (2003) "collective responsibility" weisen Jackson et al. (2009: 21) darauf hin, dass alle in die Warenkette Involvierten immer auch an der Produktion von Bedeutung beteiligt sind und somit Verantwortung tragen. Eine Trennung zwischen moralischen und politischen Aspekten in der Wirtschaft, insbesondere im Umgang mit Lebensmitteln, sei daher unhaltbar.
Abb. 7: Werbeparodie, Greenpeace-Mag. 2.10
Mit Bezug auf dieses Konzept könnte letztlich auch die Milchwirtschaft in die moralische Pflicht genommen werden, denn auch sie produziert Bedeutung, wenn sie ihrer Produktion ein grünes Mäntelchen umwirft (vgl. Abb. 7). Es besteht die Gefahr, dass durch gängige Muster und bewusste Strategien der Naturalisierung, nicht nachhaltige Produktions- und Konsumtionsweisen aufrecht erhalten bleiben. Diskurse um Überernährung/Unterernährung, Klimawandel und Knappheit des Erdöls werden hingegen marginalisiert.
Sowohl Produzent_innen, als auch Konsument_innen, die sich in einer Demokratie nur allzu gerne als mündige, aufgeklärte Bürger_innen sehen, sollten in die Lage versetzt werden, an der Arbeit, beim Einkauf und am Esstisch entsprechende Verbindungen zu den "big problems" zu ziehen, anstatt sich ihnen zu entziehen, sie zu vergessen und schließlich ganz unsichtbar werden zu lassen. Auch wenn vieles dafür sprechen mag, Ernährung als Privatsache zu sehen (ich will meinem Körper nur das zuführen, was ich für gut halte), sollte Ernährung niemals jenseits von politischen und moralischen Aspekten sein, denn...
"Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt." (GG, Art. 2)
Fazit:
Während die Milchwirtschaft in ihrer Werbung idyllische Landschaften produziert, in denen glückliche Kühe auf saftigen Wiesen grasen und traditionsbewusste Bauern und Bäuerinnen im Einklang mit der Natur die reine, unschuldsweiße Milch schöpfen, gehören rationalistische, industrielle Verfahren zu den vorherrschenden Produktionsweisen. Durch die erdölintensive Produktions- und Konsumtionskette und die nahrungsenergetische Ineffizienz tragen konventionelle tierische Produkte erheblich zum Klimawandel und zur Hungerkrise bei. Den Konsum von tierischen Nahrungsmitteln auf ein nachhaltiges Maß zu reduzieren ist aus ökologischer, human- und tierethischer Sicht unerlässlich. Die Art und Weise, wie wir uns ernähren, darf damit auch keine reine Privatsache sein, sondern ist immer auch ein Politikum.
Zum Autor: Steffen Hirth, einer der Mitbegründer der Geozentrale, hat 2012 sein Diplom in Sozial- und Wirtschaftsgeographie bei Prof. Dr. Marc Boeckler an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gemacht. Seit Januar ist er freier Mitarbeiter am Institut für alternative und nachhaltige Ernährung (IFANE.org) unter Leitung von Dr. Markus Keller.
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Hallo Florian. Ich komme nicht so wirklich mit deinem Text zu Niburu klar. Deswegen noch mal dieselbe Frage. Wenn es Nubiru gäbe dann müsste er jetzt schon zuerkennen sein als ein grosser heller Punkt neben der Sonne und dem Mond? Neben der Sonne und dem Mond oder egal wo am Himmel? Und ich habe mal als Antwort bekommen das der Punkt so gross sein müsste wie die Sonne und der Mond ( wenn es ihn gäbe)? P.s Ich hoffe das du nicht mehr sauer bist. Danke
Antwort: Warum stellst du deine Frage nicht bei dem Artikel um den es geht? Du weißt doch, dass das hier keine Plauderecke ist. Nibiru wäre ein heller Punkt am Himmel, so wie Jupiter oder Saturn. Und wäre NICHT neben der Sonne. Es wäre ein heller Punkt am Nachthimmel, so wie all die anderen Punkte am Nachthimmel. Und jetzt fragst du mich wahrscheinlich wieder, warum ich so sicher sein kein, dass er nicht existiert, wenn doch da so viele Punkte sind. Und ich sag dir das gleiche, was ich dir schon dutzende Male gesagt habe: hunderttausende (Amateur)Astronomen in aller Welt wissen, welche Punkte wo am Himmel sein müssen. Und würden einen so hellen Planeten, der nicht dazu gehört, sofort entdecken. Geh in ein Planetarium! Geh zu einer Volkssternwarte! Geh zu einem astronomischen Verein! Geh in eine Bücherei! Informier dich wenigsten ein kleines bisschen über Astronomie. Ansonsten wirst du nie Bescheid wissen und immer weiter Angst haben. Und wenn du schon nichts neues lernen willst, dann hör doch zumindest auf, ständig weiter im Internet nach Zeug zu suchen, das dir Angst macht. Du musst mir jetzt hier auch nicht antworten. WIe ich schon sagte: Das hier ist kein Chatroom. Überall sonst in meinem Blog. Aber nicht hier.