Am vergangenen Freitag fand an der Universität Mainz ein Kolloquium des interdisziplinären Arbeitskreises Dritte Welt zum Thema „Chinas Expansion in den Entwicklungs- und Schwellenländern“ statt. Der besondere Fokus der Veranstaltung lag auf dem chinesischen Engagement in Afrika, ein Engagement, das von uns Europäern seit einiger Zeit mit wachsender Skepsis beobachtet wird. Ein Begriff, der sich in der medialen Diskussion dieses Vorgangs inzwischen eingeprägt hat, ist „Landgrabbing“.
Landgrabbing aus der Perspektive des Guardian (Quelle: http://www.globaldashboard.org/)
Dr. Philippe Kersting von der Universität Mainz fasst das Phänomen zusammen: Landgrabbing bezeichnet den meist legalen Kauf von großen Flächen Land durch ausländische Konzerne oder Institutionen. Dies geschieht in neuen räumlichen und zeitlichen Dimensionen, mit neuen Akteuren und im Rahmen veränderter Geschäftsmodelle und ist deshalb von der klassischen Landnahme, wie zu Zeiten der Kolonialherrschaft, zu unterscheiden. Das Ziel ist zumeist die Produktion von Nahrungsmitteln oder die Sicherung mineralischer Rohstoffe, die dann ins Ausland ausgeführt werden.
Obwohl Landgrabbing in der Regel im Rahmen bestehender Gesetze erfolgt und somit nicht illegal ist, entstehen häufig Konflikte zwischen unterschiedlichen Nutzungsinteressen und Probleme für die lokale Nahrungsmittelversorgung. So sind in den Staaten des afrikanischen Kontinents weiterhin große Teile der Bevölkerung von Subsistenzwirtschaft abhängig. Umso schwerwiegender waren daher die Auswirkungen, als im Jahr 2008 der südkoreanische Konzern Daewoo in Madagaskar auf einen Schlag und zu sehr günstigen Konditionen die Hälfte der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Insel erwarb. Der Deal führte zu Revolten, da auch hier die Bevölkerung von ihren kleinen Landparzellen abhängig ist. Der Präsident, der das Geschäft abgeschlossen hatte wurde im Zuge der Unruhen gestürzt.
Diese Ereignisse erregten das Interesse der westlichen Medien, ein erster Bericht über das Phänomen und die Ereignisse in Madagaskar erschien in der Financial Times. Somit erlebte „Landgrabbing“ seine mediale Geburt und taucht seither immer wieder in europäischen und amerikanischen Nachrichtenmagazinen auf. Die dort beschriebenen Akteure sind transnationale Konzerne und staatliche bzw. halbstaatliche Institutionen, die - wie etwa im Falle Japans auch offiziell bestätigt – die Nahrungsmittel- und Energiesicherheit der investierenden Länder gewährleisten sollen.
Empirisch verlässliche Daten gibt es zu diesem Phänomen bis heute noch nicht. Kersting vermutet, dass die Medien das Phänomen möglicherweise nicht umfassend und eher tendenziös behandeln. So ist auffällig, dass auf vielen Graphiken die Länder Asiens, allen voran China und die Golfstaaten, als Akteure dargestellt sind, Europa jedoch nur selten mit der Entwicklung in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich kann aber gerade chinesischen Akteuren kein größerer Landkauf in Afrika nachgewiesen werden. Das chinesische Engagement in Afrika ist zwar stark gewachsen in den letzten Jahren, beschränkt sich jedoch zumeist auf Transaktionen am Rohstoffmarkt im Austausch für chinesische Fertigwaren.
Auch dürfte Afrika nicht die einzige Region sein, in der „Landgrabbing“ vorkommt. Allerdings erweist sich der Kontinent aus der Perspektive der Medien als das „perfekte Opfer“, Landgrabbing in Afrika erscheint dem Leser sehr viel ungerechter, als ähnliche Entwicklungen in Osteuropa.
Auffällig ist, dass das akquirierte Land zu großen Teilen für den Anbau sogenannter Biofuels genutzt wird. Diese finden sich dann in Form des viel diskutierten E10-Treibstoffs vor allem in europäischen Autotanks wieder. Es ist also anzunehmen, dass die Rolle europäischer Akteure größer ist, als es aus der Berichterstattung ersichtlich wird. Bei den europäischen Akteuren handelt es sich jedoch nicht um staatlich kontrollierte Unternehmen oder Institutionen – daher fällt eine nationale Zuordnung hier schwerer. Tatsächlich aber dürfte es sich bei „Landgrabbing“ nicht um ein Phänomen handeln, bei dem man bequem mit dem Finger auf den Angstgegner China zeigen kann.
Zum Thema im Netz:
Weitere Informationen, zahlreiche Ressourcen, Berichte und verfügbare Statistiken findet ihr auf der Webseite von Dr. Philippe Kersting zu diesem Thema.
Der interdisziplinäre Arbeitskreis Dritte Welt ist ebenfalls im Web vertreten.
Für seinen Vortrag an der Uni Mainz, am 20.10.2011 hatte Bruno Latour "bad news" im Gepäck: Der Mensch ist tatsächlich ein materielles Wesen mit körperlichen Bedürfnissen in einer begrenzten Umwelt. Latour entzaubert damit nicht nur den in den Sozialwissenschaften vorherrschenden, immateriellen Blick auf das Forschungsobjekt "Homo Sapiens", er reißt uns auch aus dem schönen Traum, mit stetiger Weiterentwicklung der Technologien irgendwann von der immer gefährlicher werdenden Erde entfliehen zu können. Er möchte zurückfinden zu einem Materialismus, der die faktische Begrenztheit des Kosmos berücksichtigt. Vielleicht eine Voraussetzung, für einen rationalen Umgang mit der Erkenntnis des anthropogenen Klimawandels?
Ein "materialistic shift" im Anthropozän
Der französische Philosoph, Soziologe und Ethnologe, Bruno Latour, stellt die Frage: "Is it Possible to Get Our Materialism Back?" und postuliert damit die Zuwendung der Sozialwissenschaften zum Menschen als materielles Wesen mit materiellem Einfluss.
Abb. 1: Bruno Latour (Quelle: Wikipedia).
Genau gesagt, nennt er die Menschheit eine "geological force". Dieses Bild entnimmt er den Geowissenschaftler_innen, die das jüngste - das gegenwärtige - Zeitalter als "Anthropozän" bezeichnen (vgl. Crutzen 2002), also das Zeitalter, in dem die Gestalt der Erdoberfäche und der Atmosphäre erstmals signifikant durch die Spezies, die sich Homo Sapiens nennt, mitgeprägt wird; nicht mehr ausschließlich durch die endogenen und exogenen Prozesse, welche die Geomorphologie beschreibt. "Natürlich hat ein Vulkan Einfluss", sagt Latour (sinngemäß), "aber er bricht nur ein paar Tage lang aus - die Menschen sind kleine Vulkane, die 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr am Dampfen sind."
Ein faktisch begrenzter Kosmos
Ein "materialistic shift" bedeutet auch, eine andere Auffassung vom Universum bzw. vom Kosmos anzunehmen. Angetrieben durch die Idee vom technologischen Fortschritt, träumte die Menschheit bisher von der Eroberung des Weltraums. In einem endlosen Universum musste es auch Lebensraum für den Menschen geben, ob auf dem Mond, dem Mars oder einem entlegeneren Planeten. Wahrscheinlich ist das "Paradies" tatsächlich irgendwo da draußen.
Aber sehen wir der Realität ins Auge - und hierin besteht der "shift": In der Praxis werden wir einen solchen Planeten erstens wohl kaum erreichen und zweitens ist unsere Erde wohl auch mit globaler Erwärmung, mit leergefischten Meeren oder sogar nach einem Atomkrieg immer noch lebenswerter als eine Siedlung auf dem Mond oder dem Mars. Mag das Universum auch unbegrenzt sein, unsere Möglichkeiten sind es nicht. Faktisch sind wir auf das System Erde angewiesen.
"Gaia" oder das System Erde
Latour greift hier auf die Gaia-Theorie von James Lovelock zurück, die besagt, dass die Erde ein System mit interdependenten Faktoren ist, das sich selbst reguliert; ein System, dessen chemische Zusammensetzung und Temperatur sich in einem quasi-stabilen Zustand befindet und so die optimalen Bedingungen für das Leben auf der Erde erhält. Auch Geograph_innen beschäftigen sich im Rahmen der Erdsystemforschung mit den verschiedenen Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Teilbereichen dieses Systems. Nach Wolfram Mauser (2007: 970) "befindet sich die Erde ohne den Einfluss des Menschen als geschlossenes System in einem dynamischen, natürlichen Gleichgewichtszustand" (vgl. Abb. 2). "Ohne den Einfluss des Menschen" schreibt Mauser! Tatsächlich, und das bezeichnet das Zeitalter "Anthropozän", ist der Mensch zu einem Geofaktor geworden.
Abb. 2: Schematische Darstellung eines globalen Regelnetzes im Erdsystem, das zwischen CO2-Konzetration, dem Wasserkreislauf, der terrestrischen Vegetation, der Nährstoffversorgung der Ozeane, der marinen Vegetation und der Rückkopplung zum CO2-Gehalt steht. Die roten Pfeile bedeuten einen verstärkenden, die schwarzen Pfeile einen hemmenden Einfluss einer Vergrößerung der Ursache auf die durch die Pfeilrichtung gekennzeichnete Folge (Mauser 2007: 969, verändert nach Ridgewell & Watson 2002).
Latour verweist auf den ökologischen Fußabdruck, eine Maßzahl für den Pro-Kopf-Verbrauch von Ressourcen in Bezug auf eine bestimmte Fläche. Würden alle Menschen einen Lebensstandard haben, wie die Europäer_innen ihn aktuell genießen, wären drei bis vier Planeten notwendig; für einen US-amerikanischen Lebensstandard sogar noch mehr. Würden alle Menschen so ressourcenschonend Leben, wie die meisten Menschen in afrikanischen oder in südostasiatischen Ländern, dann würde eine Erde ausreichen (vgl. Happy Planet Index).
Apocalypse Now?
Eine Anpassung des Lebensstils auf ein ökologisch verträgliches Maß ist bisher nicht erfolgt (im Gegenteil), was auch der Grund sein mag, weshalb James Lovelock so düstere Schlüsse zieht: Er geht davon aus, dass sich wohl noch in diesem Jahrhundert die Erdbevölkerung in Folge von Ressourcenverknappung und daraus resultierenden Kriegen drastisch reduzieren wird.
Latour zitiert auch Harald Welzer, den Autor von "Klimakriege - Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird", ein bemerkenswertes Buch, über das auch in der Geozentrale schon berichtet wurde (mehr...). Indem Welzer (2008) den Klimawandel als "ökosoziales Problem" bezeichnet, das schon jetzt - noch stärker aber in Zukunft - zu gewaltsamen Konflikten führt, entlastet er zurecht die Naturwissenschaftler_innen, die den Klimawandel zwar als naturwissenschaftliches Phänomen identifizieren können, aber gar nicht dazu ausgebildet sind, dessen soziale Folgen abzuschätzen.
Dass der Naturwissenschaftler James Lovelock die Zukunft der Menschheit so düster sieht, mag dementsprechend auch an seinem mangelnden Vertrauen in die Wandlungsfähigkeit der Menschen liegen. Doch auch die Perspektive des Sozialpsychologen Harald Welzer macht nicht gerade Mut. Grundlegende Veränderungen in diesem Jahrhundert sind offenbar - materiell - zwingend. Die Frage ist nur, wie aktiv "wir" daran mitwirken.
Wer rettet uns die Welt?
Die Sozialwissenschaften sollen nicht die teuer erkämpften Paradigmen um sozial konstruierte Wirklichkeiten aufgeben; sie dürfen nicht einfach verwerfen, dass unsere Wahrnehmung ein kognitiver Prozess ist, der viele Wirklichkeiten von vielen Subjekten hervorbringt. Nichtsdestotrotz ist nicht länger zu verleugnen, dass wir uns in einem anthropogenen Prozess, den wir Globalen Wandel nennen, befinden und dabei immer eifriger unsere materielle Lebensgrundlage zerstören (paradoxerweise mit dem Ziel unseren Lebensstandard zu erhöhen).
Wovon Latour spricht, ist ein im Grunde längst überfälliger Wandel: Die Hinwendung der Sozialwissenschaften zu denjenigen materiellen Faktoren, die schwerwiegende soziale Folgen haben oder haben werden.
Nachhaltigkeit tabu?
Bezeichnend für die bisherige Blindheit der Sozialwissenschaften gegenüber dem Materiellen ist vielleicht auch, dass Latour den Begriff "Nachhaltigkeit" in seinem Vortrag nicht ein einziges Mal verwendet (erst in der anschließenden Diskussion wurde dieser Begriff einmal von einem Zuschauer genannt). Wird der Begriff schon als so inflationär empfunden, dass er gemieden werden muss? Freilich wurde und wird Nachhaltigkeit oft mit einer guten Portion Halbwissen verwendet, oft auch mit moralisch fragwürdigen Absichten, etwa wenn Unternehmen sich ein grünes Mäntelchen überstreifen (Wiki: Greenwashing).
Aber genau das ist ja der sozialwissenschaftlich relevante Punkt: Rund um die Bedrohungen durch den Klimawandel oder das Ende des Erdöls werden Wirklichkeiten konstruiert, die suggerieren, den idealen Zustand der Nachhaltigkeit (den Einklang mit "Gaia") erreicht zu haben oder darauf hinzuarbeiten. Faktisch sind "wir", das Kollektiv, gerade dabei zu Versagen: Zur Begrenzung der Erderwärmung auf 2°C ist laut den Wissenschaftler_innen vom IPCC eine Stagnation des CO2-Ausstoßes bis etwa 2012 notwendig. Die meisten Menschen wollen nicht auf ihr Auto verzichten, wollen nicht weniger Strom verbrauchen, wollen möglichst weit weg in den Urlaub fliegen und kaufen eingeflogene Blumen aus Kenia. Doch so schnell wie letztere verblühen können, so schnell kann es (aus "Gaias" Sicht) mit dem Anthropozän vorbei sein.
"Materialistic shift" für nachhaltigen Wandel
Ob das Ende des Anthropozäns bedeutet, dass sich die Menschheit in einem globalen Konflikt selbst reduziert (wie James Lovelock behauptet, siehe Video oben), oder ob es der Menschheit gelingt, ihren ökologischen Einfluss friedlich auf ein verträgliches Maß zu reduzieren (z.B. durch einen "qualitativen Wandel" wie ihn Serge Latouche mit seinem Konzept der "décroissance" fordert; mehr...) - dies ist eine Frage an der insbesondere die Sozialwissenschaften mitwirken können, sofern sie sich dem Materiellen wieder zuwenden.
Ansätze dazu sind schon vorhanden: Das humangeographische Institut in Frankfurt erforscht z.B. Gesellschaft-Natur-Verhältnisse in visuellen Medien (mehr...). Wer sich die Natur als "intakt" konstruiert (vgl. Greenwashing), der kann an seinen liebgewonnenen Gewohnheiten, am Status Quo, festhalten. Wie schon das Thomas-Theorem von 1928 besagt: "If men define situations as real, they are real in their consequences."
Den unsachlichen, verzerrenden Umgang der Medien mit dem anthropogenen Klimawandel schildern eindrucksvoll Maxwell und Jules Boykoff (2004). Für jemanden, der den Klimawandel nicht glaubt, gibt es keinen Klimawandel. Vielleicht glaubt er erst später daran, dann wenn die ständigen Dürren seine Ernte vernichten oder die Flut sein Haus mitreißt. Vielleicht hat er bis dahin aber auch vergessen, dass es früher einmal anders war - gewaltsame Konflikte um Ressourcen sind seine Wirklichkeit, sind "ganz natürlich". Die Sozialwissenschaften haben hier dringenden Forschungsbedarf.
Sollten wir uns nicht fragen, ob es wirklich weiterhin das "natürliche" Recht eines Jeden sein darf, z.B. auf der Autobahn beliebig viel Treibhausgase zu emittieren, solange nur für das Benzin bezahlt wird? Und ist die Art und Weise, wie wir uns ernähren wirklich reine Privatsache? Auf diese letzte Frage möchte ich in einem späteren Artikel noch näher eingehen...
Literatur:
Boykoff, Maxwell T. & Jules M. Boykoff (2004): Balance as bias: global warming and the US prestige press. In: Global Environmental Change 14/2004: S. 125-136,Internet: http://www.eci.ox.ac.uk/publications/downloads/boykoff04-gec.pdf (zuletzt geprüft am 20.10.2011). Crutzen, Paul J. (2002): Geology of Mankind. In: Nature 415: S. 23. Internet: http://www.studgen.uni-mainz.de/sose04/schwerp3/expose/geology.pdf (zuletzt geprüft am 20.10.2011).
Mauser, Wolfram (2007): Globaler Wandel und Grenzen des Wachstums. In: Gebhardt, H., Glaser, R., Radtke, U., Reuber, P. (Hrsg.): Geographie. München: 966-975.
Ridgewell, Andy J. & Andrew J. Watson (2002): Feedback between aeolian dust, climate and atmospheric CO2 in glacial time. In: Paleoceanography Vol. 17, No. 4 (2002), Internet: http://lgmacweb.env.uea.ac.uk/e114/publications/ridgwell_and_watson_2002.pdf (zuletzt geprüft am 20.10.2011).
Welzer, Harald (2008): Klimakriege - Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Frankfurt am Main.
...ist eine sehenswerte (online frei verfügbare; siehe unten) Dokumentation über das in den 1990ern von General Motors auf den Markt gebrachte, aber kurz darauf wieder eingezogene und verschrottete "EV1". Sie stellt die Behauptung auf, dass die Elektromobilität schon viel weiter verbreitet sein könnte, wenn sich ihr nicht verschiedenste Faktoren in den Weg stellen würden.
Die Dokumentation vertritt die These, dass die Automobilindustrie - auch unter dem Druck der Erdöllobby - gar kein Interesse daran hat, praktikable Elektroautos auf den Markt zu bringen und deshalb die Behauptungen vorschiebt, dass erstens die Technik noch nicht ausgereift wäre und zweitens keine Nachfrage seitens der Verbraucher_innen bestünde. Vor diesem Hintergrund wird auch das Pochen auf die Wasserstoff-Technik mit Brennstoffzelle, die im Gegensatz zum Elektroauto überhaupt noch nicht marktfähig - im Sinne von energetisch wirtschaftlich - ist, als Aufschiebestrategie aufgefasst, die das fossile Zeitalter verlängern soll (vgl. z.B. die symbolische Inanspruchnahme der Farbe Blau durch die Automobilindustrie, wie auf der Website der IAA oder der Nachhaltigkeitskampagne "Think Blue" von VW).
Abb.: Das 1999 wieder vom Markt genommene EV1 von General Motors (Quelle: Wikipedia).
Was zunächst einmal nach Verschwörungstheorie klingt, wird in der Dokumentation aus vielfältiger Perspektive erläutert. Und so wird am Ende auch nicht eindeutig der oder die Schuldige identifiziert, sondern vielfältige Interessenkonflikte ausgemacht, die bis heute verhindern, dass auf den Straßen emissionslose Elektroautos zu sehen sind.
Unter den "Schuldigen" sind die Erdöllobby, deren immer knapper werdender Rohstoff immer profitabler wird, und die deshalb starken Einfluss auf die Automobilindustrie nimmt. Es ist aber auch die kalifornische Umweltbehörde, die ihr in den 1990er Jahren verabschiedetes Gesetz zur Reduktion der Emissionen nicht standfest genug durchsetzen konnte, sowie die US-Regierung, die unter Präsident George W. Bush der Ölindustrie nahe stand und entsprechend keinen Willen zeigte am Status Quo etwas zu ändern. Letztlich ist es aber auch die Gleichgültigkeit und die Borniertheit an einmal etablierten Gewohnheiten festzuhalten, die auch den Verbraucher_innen am "Tod des Elektroautos" ihren Anteil lässt.
Zum Argument mit der unausgereiften Technik ist zu sagen, dass Elektromobile schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts existieren und das EV1, das vor bald 20 Jahren herauskam, schon bemerkenswerte Eigenschaften hatte: Eine Reichweite zwischen 70 und 100 Meilen (also 110 bis 160km). Die ironische Aussage eines EV1-Fahrers im Film dazu: "Was die Gegner der Elektroautos seit Jahren sagen ist wahr: Das Elektroauto ist nicht für Jeden geeignet. Mit seiner Reichweite ist es nur für 90 Prozent der Bevölkerung nutzbar." Für die EU gilt z.B., dass 90 Prozent aller Fahrten in Städten nicht weiter als sechs Kilometer sind (vgl. Michael Cramer, MdEP; mehr). Besser wäre es natürlich, diese Strecken zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV zurück zu legen - aber wenn schon individuell und motorisiert, warum dann nicht elektrisch und abgasfrei?
Was die vermeintlich nicht vorhandene Nachfrage angeht, so argumentiert die Doku, wurde erstens die Elektromobilität "stiefmütterlich" vermarktet und waren zweitens genug potentielle Käufer_innen vorhanden. Die damaligen Besitzer_innen konnten das EV1 allerdings nur leasen, so dass GM das Recht hatte, die Fahrzeuge wieder einzuziehen, wovon es, gegen beachtlichen Widerstand, auch Gebrauch machte. So musste das Elektroauto "sterben" bevor es überhaupt ins Bewusstsein der breiten Masse treten konnte. Aber seht selbst...
Sechs Monate nach der Atomkatastrophe meiden Touristen weiter Japan. Dabei soll die Strahlenbelastung in Tokio nicht höher als in Berlin oder New York sein. Geozentrale-Reporter Max Zellmer hat für die Zeitung "Die Welt" nachgefragt.
Während die Tsunami-Katastrophe eindrücklich auf Bildern dargestellt werden kann, ist die Gefahr durch die Strahlenbelastung in Fukushima unsichtbar. (Bildquelle: www.martintaylor.com)
Nach der Katastrophe im März haben viele Veranstalter und Touristen ihre Japan-Reisen abgesagt. Im April rutschten die Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr um 68% in den Keller. Mittlerweile entspannt sich die Lage etwas.
Aus Angst vor radioaktiver Strahlung meiden Touristen jedoch weiterhin das Land. Warum das so ist und weshalb er mit seiner Familie jederzeit Urlaub in seiner Heimat machen würde, erklärt Hideaki Nakazawa, Direktor der japanischen Fremdenverkehrszentrale in Deutschland.
Max Zellmer:Nach dem Tsunami und dem Atomunfall in Fukushima sind die Touristenzahlen in Japan stark zurückgegangen. Wie wirkte sich das auf die Tourismusindustrie aus?
Hideaki Nakazawa:Die Tourismusindustrie hat nach dem 11. März große Einbußen hinnehmen müssen, auch aus Deutschland. Die Ersten, die wieder nach Japan reisten, waren Geschäftsleute. Hinsichtlich der Hotelauslastung ergeben sich daher auch ganz unterschiedliche Situationen. In den Metropolen Tokio und Osaka ist die Buchungslage inzwischen wieder recht gut, aber in den touristischen Regionen abseits davon, in Kyoto, in den Japanischen Alpen oder auf Okinawa, macht sich das Fehlen der Touristen bemerkbar. Die Regierung versucht, das auszugleichen, indem sie die Bevölkerung aufruft, im eigenen Land Urlaub zu machen. Die Hoffnung liegt nun auf dem nächsten Jahr.
Max: Sind die Aussichten für 2012 besser?
Nakazawa: Von deutschen Veranstaltern höre ich, dass Buchungen auf das nächste Jahr verschoben, aber nicht abgesagt wurden. Wir sehen, dass vor allem die Reisebüros Hilfestellungen brauchen, um ihre Kunden beraten zu können. Wir sind daher im Oktober in sieben deutschen Städten unterwegs, um Reisebüromitarbeiter über die aktuelle Situation zu beraten und sie zu ermutigen, Japan zu buchen. Und um die Konsumenten direkt anzusprechen, werden wir mit eigenem Stand auf der Reisemesse CMT im Januar und auf der ITB im März 2012 vertreten sein. In Zusammenarbeit mit den japanischen Konsulaten sind wir auch auf den Reisemessen in Hamburg und München im Februar 2012.
Max: Besteht für Japan-Touristen Gefahr durch Radioaktivität?
Nakazawa: Die Antwort ist ganz klar: Wenn man die Region Fukushima meidet, besteht keine Gefahr. Tokio ist von Fukushima 250 Kilometer entfernt, und alle weiteren für Touristen interessanten Ziele, die Japanischen Alpen, Kyoto und Nara, Hiroshima, die Insel Kyushu und Okinawa, liegen noch weiter weg.
Max: Ist die Strahlenbelastung in Tokio höher als zum Beispiel in Berlin oder New York?
Nakazawa:Auch hier ist die Antwort eindeutig: Die Strahlenbelastung in Tokio ist nicht höher als in Berlin oder New York
Max: Japan ist Fisch-Land! Aber setzt man sich als Sushi-Fan nicht einer Gefahr durch verstrahlte Fische aus?
Nakazawa:Die Behörden prüfen das sehr genau und nehmen regelmäßig Proben an den Küsten im Nordosten Japans – nicht nur vor Fukushima, auch bis zu 320 Kilometer vor der japanischen Küste, um zu erfahren, wie belastet Fisch und andere Meerestiere sind. Die Befunde stellt die japanische Fischereibehörde ins Internet. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass durch den Verzehr von Meeresfrüchten während einer Japan-Reise kaum Gefahr besteht, sich radioaktiv zu belasten.
Max: Sollte man als Tourist einen Geigerzähler mit nach Japan nehmen?
Nakazawa:Klar könnte man sagen, dass das der Beruhigung dienen könnte. Aber dann müsste man sich mit dem Gerät vor der Abreise vertraut machen, um zu wissen, was man dann vor Ort misst. Wer möchte das auf einer Urlaubsreise schon? Ganz klar ist, dass es für einen Besucher nicht nötig ist, solche Messungen vorzunehmen. Japan ist eines der sichersten Länder der Welt – das liegt auch daran, dass die Behörden alle Grenzwerte und Messungen sehr sorgfältig überwachen.
Max: Gibt es eine neue Art des Tourismus: sogenannten Krisentourismus?
Nakazawa:Es gibt einige Angebote von Organisationen, aber auch von Reiseveranstaltern, als Freiwilliger in Japan an den Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten teilzunehmen.
Max:Ein Blick in die Zukunft: Wann wird sich die Lage aus touristischer Sicht wieder normalisiert haben?
Nakazawa: Wir gehen davon aus, dass sich die Situation im nächsten Jahr stabilisiert hat, auch wenn der Tourismus noch nicht wieder auf dem Niveau der Zeit vor der Katastrophe sein wird.
Max:Laut dem Hotel Price Index von 2011 sind die Hotelpreise in Japan um sechs Prozent gefallen. Ist Urlaub also jetzt günstiger als vor Fukushima?
Nakazawa: Leider steht dem der starke Yen im Wege. Tatsächlich hat man die Hotelpreise in Japan gesenkt, aber im Moment wird dieser Preisvorteil durch den Wechselkurs wieder aufgefressen. Glücklicherweise war der Reisepreis noch nie ein Argument für Japan-Reisende – dass es günstigere Reiseziele gibt, ist klar. Dennoch: Wenn man in die Kataloge der Veranstalter schaut, finden sich überall Einsteigerreisen um 2000 Euro – das ist nicht viel, um Japan kennenzulernen.
Max:Würden Sie jetzt selbst als Tourist mit Ihrer Familie nach Japan reisen? Auch in den Norden?
Nakazawa:Ich war gerade im Juli in Japan und würde jederzeit wieder dorthin reisen. Nur die Gegend um Fukushima und die Pazifikküste würde ich meiden, aber das versteht sich von selbst.
Links: Reise- und Sicherheitshinweise für Japan gibt das Auswärtige Amt unter www.diplo.de.
Viele große Städtebauprojekte heften sich heute das Etikett "nachhaltig" an. Während man in Europa dabei häufig Konversionsprojekte und die Erneuerung bestehender Viertel meint, geht es im fernen Osten um Wohnraum für eine rasch wachsende städtische Bevölkerung. Gemeinsam ist den Projekten: Man will es besser machen als in der Vergangenheit, den Menschen und der Umwelt gerecht werden. Geozentrale präsentiert eine Karte mit den wichtigsten Projekten weltweit:
Die nachhaltige Stadt muss mehrere schwer erreichbare Ziele kombinieren: Sie soll einen möglichst geringen Einfluss auf die natürliche Umwelt haben und bezüglich Ressourcennutzung sowie Emissionen einen möglichst kleinen "Fußabdruck" hinterlassen. Gleichzeitig soll sie einer weltweit weiter wachsenden städtischen Bevölkerungein lebenswertes und sicheres Umfeld bieten, in dem die Bewohner auch in Entscheidungsprozesse der Stadt einbezogen werden. Schließlich gilt all dies mit einer nachhaltigen wirtschaftlichen Basis zu verbinden, die die Stadt langfristig lebendig erhält.
Die meisten Städte dieser Welt können nicht alle Ziele der Nachhaltigkeit gleichzeitig erfüllen. Viele Städte, speziell in industrialisierten Ländern müssten vollkommen umgestaltet werden. Einzelne Viertel oder ganz neue Stadtteile hingegen, sind heute weltweit zu Laboratorien und Versuchsräumen geworden, in denen teilweise spektakuläre Ideen verwirklicht werden. Masdar in den Vereinigten arabischen Emiraten ist nur eines der prominentesten Beispiele. Weitere wichtige Projekte zeigt die Karte, die diesem Artikel beigefügt ist. Noch mehr Projekte finden sich auf der Seite www.sustainablecities.dk, die aktuelle Städtebau- und Entwicklungsprojekte der ganzen Welt detailliert vorstellt.
Übrigens sind auch nachhaltig geplante Städte nicht vor Verfall und Untergang gewappnet. Ein Beispiel aus China ist das Projekt Huangbaiyu, das noch in der Juli-Ausgabe der französischen Zeitschrift "Carto" zu finden ist, das aber tatsächlich schon lange sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden ist.
Quellen: Carto - Le Monde en Cartes Nr. 06, S. 57 sowie die verlinkten Internetseiten.
Die aktuelle Aufregung um das pathogene Darmbakterium EHEC ist verbunden mit einer hohen medialen Aufmerksamkeit, die vor allem den Appetit auf rohes Gemüse verdirbt. Menschen sind gestorben, Tonnen von Lebensmitteln landen auf dem Müll. Wer hat Schuld? Die genaue Herkunft der Erreger wird gerade eifrig von Wissenschaftler_innen untersucht. Eine ungefähre Antwort darauf, ist erstens leichter und hat zweitens mehr mit Geographie zu tun, als man vielleicht denkt.
Eigentlich sind Escherichia coli (E. coli) ganz normaler Bestandteil einer gesunden Darmflora. Unter bestimmten Umständen können jedoch krankheitsauslösende Stämme dieses Darmbakteriums entstehen: Enterohämorrhagische Escherichia coli - kurz: EHEC. Das Hauptreservoir des Erregers, verrät Wikipedia, bilden Wiederkäuer, vor allem Rinder. Die Übertragung erfolgt auf vielfältige Art und Weise, stets aber durch die (unbeabsichtigte) Aufnahme von Fäkalien.
Die Berichterstattung vermittelt im Moment vor allem zwei Botschaften: Wir wissen nicht, wo es herkommt und beim Gemüse-Essen bloß vorsichtig sein! Die Reaktionen der Verbraucher_innen reichen von Übersättigung und Gleichgültigkeit - keine Panik, nur ein weiterer Lebensmittelskandal - bis zu ernster Sorge und dem Verzicht auf jegliche Lebensmittel, die in Verdacht sind. Da Gurken im Moment geringe Nachfrage haben, bleiben Gärtner_innen auf ihrer Ernte sitzen, schmeißen Tonnen in den Müll und sind wirtschaftlich von der Existenz bedroht. Ich habe schon Leute witzeln hören: "Jetzt essen wir nur noch Fleisch!", was ein Vegetarierherz in Rage bringen kann. Lustig ist das Thema aber spätestens dann nicht mehr, wenn im Kreis der Bekannten jemand erkrankt ist und in Quarantäne im Krankenhaus liegt.
Die aktuelle Suche nach verantwortlichen Betrieben und die Vorsicht im Haushalt sind natürlich wichtig. Dennoch ist das, worüber Expert_innen im Moment in den Medien sprechen, vor allem die Behandlung von Symptomen, während die Wurzel des Problems nur bis zu ihrem Ansatz erwähnt wird: Irgendwie, wahrscheinlich durch Düngung mit Gülle, sind verseuchte Fäkalien an das betroffene Gemüse gekommen. Dieses Problem ist alles andere als neu!
Abb. 2: Der Autor Michael Pollan: "Wir füttern Mais und Coli-Bakterien bilden sich, dann geschieht eine Mutation: Der Erregerstamm E.Coli 0157H7 entsteht, das Ergebnis der neuen Diät der Rinder und ihrer Haltung in Massenbetrieben." (Quelle: "Food, Inc.")
Allen Trenkle, Ernährungswissenschaftler der Universität Iowa, erklärt in dem Film "Food Inc." wie es zu einer rasanten Vermehrung von E.coli-Bakterien im Darm von Rindern kommt. Im Pansen befinden sich Millionen von Mikroorganismen, die bei der Verdauung helfen und natürlicherweise Grasfresser sind. Da Mais ein besonders billiges Futtermittel ist und Rinder schnell fett macht, bekommen die meisten von ihnen kein frisches Gras zu fressen - entgegen dem Eindruck von grünen Weiden, den die Werbung so gerne vermittelt. Durch das Maisfutter, sagt Trenkle, bilden sich E. coli-Bakterien, die säurebeständig sind - die schädliche Variante.
Michael Pollan, Autor von "Das Dilemma des Allesfressers" erläutert: "Die Tiere stehen knöcheltief im Mist, d.h. hat eine Kuh es, kriegen es die anderen auch. Im Schlachthof ist ihr Fell mit Mist bedeckt. Dort werden 400 Rinder in der Stunde geschlachtet. Wie will man da verhindern, dass der Mist auch auf den geschlachteten Tierkörpern ist? So gelangt der Dung ins Fleisch und damit ist der neue Erreger im Nahrungskreislauf."
Video: Ein Ausschnitt aus dem Film "Food, Inc.". Der Abschnitt zu den E.coli-Bakterien beginnt nach etwa 6 min (Quelle: Youtube.com).
Die meisten Masttiere fressen heute nicht mehr Gras, sondern Mais, Soja, Weizen und anderes Getreide, heißt es in "Wege aus der Hungerkrise", eine Publikation, die den Weltagrarbericht 2009 zusammenfasst. Weltweit werden 33% des Ackerlandes für die Produktion von Futterpflanzen aufgewendet (Wege aus der Hungerkrise 2009: 25). Ausschließlich Grünlandwirtschaft zu betreiben, würde den hohen Bedarf an Fleisch- und Milchprodukten in westlichen Industrieländern nicht decken (vgl. Abb. 3).
Abb. 3: Im Durchschnitt essen Deutsche pro Jahr 83 kg Fleisch (Quelle: Wege aus der Hungerkrise 2009: 25).
Die Reduzierung des Verbrauchs tierischer Nahrungsmittel ist der dringendste und effektivste Schritt zur Sicherung der Ernährung, der natürlichen Ressourcen und des Klimas (ebd.). Angesichts der Probleme, die unter dem Globalen Wandel zusammengefasst werden, erscheint die EHEC-Epidemie als nicht mehr als eine kleine Begleiterscheinung. Das Kernproblem ist jedoch das gleiche: Das durchschnittliche Konsumverhalten und der damit verbundene Lebensstandard in den Ländern des Nordens ist nicht nachhaltig.
Die Mehrheit schaut im Supermarkt vor allem auf den Preis. Billige Futterpflanzen decken den hohen Pro-Kopf-Konsum, obwohl die Mägen der Tiere evolutionär nicht dafür ausgelegt sind. Die Entstehung von schädlichen E.coli-Stämmen ist somit einkalkuliertes Risiko, zumindest von Seiten der industriellen Landwirtschaft. In der Presse wird dieses Thema (soweit meine Beobachtungen reichen) kaum angesprochen. Ärgerlich ist, dass die direkte Gefahr nun vor allem von Gemüse ausgeht - zumindest ist das die Botschaft, die rüberkommt - obwohl ohne Zweifel die Tierhaltung für den Skandal verantwortlich ist. Es passiert das Gegenteil dessen, was für einen wirklichen Wandel passieren müsste. Die Angst vor Gemüse wird geschürt, obwohl gerade mehr pflanzliche Lebensmittel konsumiert werden müssten, um die Ernährung sicher und nachhaltig zu gestalten. Würden nur so viele tierische Lebensmittel konsumiert, wie in Weidehaltung produziert werden können, wäre das Angebot zwar geringer, der Preis höher, aber die Sicherheit von Tierprodukten wäre höher, während die Preise für Gemüse, aufgrund der größeren Anbauflächen (die jetzt für Futtermittel draufgehen), deutlich niedriger sein könnten.
So bekommt der Spruch: "Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg!" eine interessante Wendung: Wer viel Fleisch- und Milchprodukte verzehrt, bescheißt mein Gemüse! Nur ein positiver Aspekt bleibt: Die Geographie der Ernährung ist das Salz auf meiner leckeren Gemüsepfanne des Studiums. Dem Bruder meines Freundes wünsche ich gute Besserung!
“Rethinking Macroeconomics for Sustainability” heißt ein Buch von Alejandro Nadal, das mir kürzlich in der SOAS-Buchhandlung in London in die Hände fiel. Beim Durchblättern erinnerte ich mich an meine VWL-Vorlesungen und die vielen Modelle zur Erklärung wirtschaftlicher Zusammenhänge, die wir dort durchgenommen haben. Während diese Modelle mir vieles erklärt haben, so haben wir sie doch niemals in Frage gestellt – für diese Diskussion, insbesondere angesichts sozialer und ökologischer Verwerfungen - war an der Uni leider nie Zeit. Gut, dass es jetzt jemand nachholt - und so ganz nebenbei ein Plädoyer für die Wirtschaftsgeographie geschrieben hat.
In der neoliberalen Wirtschaftsordnung werden ökologische und soziale Faktoren makroökonomischen Zwängen untergeordnet. Sind die makroökonomischen Ziele bestimmt (wie etwa wirtschaftliches Wachstum, die Bekämpfung der Arbeitslostigkeit etc.), wird jedes andere Politikziel mit diesem in Einklang gebracht und im Endeffekt nachrangig behandelt. In dieser Hinsicht wird die Sozial- und Umweltpolitik heute in Zentralbanken und Finanzministerien gemacht. Die dominierenden Ideen von Wachstum, geringen Inflationsraten und freiem Kapitalfluss sind die makroökonomischen Ziele, denen alle anderen Überlegungen untergeordnet werden müssen. Sei es Bodenerosion oder Biodiversität, Gesundheit oder Bildung: Es handelt sich um sektorale Probleme, die sich den allübergreifenden makroökonomischen Zwängen beugen müssen.
Das Ziel einer solchen Strategie (oder Politik) ist natürlich Stabilität, die zu Wachstum führt und in ihrer Folge die Lösung all der genannten sektoralen Probleme erlaubt. Lediglich die „schwächeren“ Mitglieder der Gesellschaft werden durch ein Sicherheitsnetz aus sozialen Leistungen unterstützt.
Doch dieser Neoliberalismus scheint nicht wirklich zu funktionieren – das Wachstum war zuletzt in den meisten Teilen der Welt eher mittelmäßig, Stabilität war eine Illusion, wie wir spätestens seit der Finanzkrise von 2008 wissen. Die Ungleichheit hat sich verstärkt, die Zerstörung der Umwelt beschleunigt. Und die Umwelt- und Sozialpolitik wird weiter zurückgefahren, da die Mittel gebraucht werden, um die existierende wirtschaftliche Ordnung zu retten.
Ganz offensichtlich müssen wir unsere Prioritäten - die Beziehungen zwischen makroökonomischen Zielsetzungen und nachhaltiger Entwicklung - neu überdenken.
Dieser Aufgabe nimmt sich unter anderem Alejandro Nadal in seinem neuen Buch „Rethinking Macroeconomics for Sustainability“ (Details siehe unten) an, das die Gedanken ausführt, die in diesem Blog-Artikel nur angeschnitten werden.
In den fünfziger und sechziger Jahren analysierte der Nobelpreisträger Simon Kuznet die wirtschaftliche Entwicklung verschiedener Länder und schloss: Im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes verschärfen sich Ungleichheit und Einkommensunterschiede zunächst, werden dann aber in der längeren Frist ausgeglichen – die Kuznets Kurve war geboren. Später kamen andere Wissenschaftler auf die Idee, dass es sich mit der Umweltzerstörung ganz ähnlich verhalten könnte: Bei steigendem per capita-Einkommen wird die Umweltqualität schließlich wichtiger und die Umweltverschmutzung auf lange Sicht also wieder umgekehrt und aufgehoben. Diese Theorie wird in der „environmental Kuznets curve“ (EKC) beschrieben.
Ein willkommener Ausweg aus dem Dilemma, das die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome 1972 aufgeworfen hatte: Wachstum ist nach der Logik der EKC nicht nur mit dem Umweltschutz vereinbar – es ist sogar die treibende Kraft hinter einer besseren Welt von Morgen: Können es sich erst einmal alle Menschen leisten, wird der Umweltschutz große Fortschritte machen.
Die ökologische Kuznet-Kurve.
Doch diese Theorie hat mehrere Schwachstellen: Zum einen ist die Umwelt multidimensional, es handelt sich nicht um eine einzige Größe. Wenn sich also eine Messgröße der Umweltentwicklung parallel mit der wachsenden Wirtschaft verbessert, muss das noch lange nicht für alle anderen gelten. Außerdem nimmt das Modell der EKC an, dass Umweltschäden reversibel sind. Es ignoriert die unangenehme Tatsache, dass graduelle Umweltzerstörung gewisse kritische Schwellen erreichen kann, nach deren Überschreitung eine Wiederherstellung extrem lange dauert, teuer oder auch unmöglich werden kann. Schließlich schaut sich die EKC die wirtschaftliche Entwicklung nach Staaten getrennt an – Umweltprobleme halten sich aber nicht an Landesgrenzen, die Entwicklung am einen Ende der Welt (z.B. Europa) kann sich in ganz anderen Ecken der Welt (z.B. Afrika, Asien, der Nordpol) negativ auswirken.
Im Jahr 2000 schließlich versuchte man (genauer: die Generalversammlung der Vereinten Nationen), die Prioritäten etwas zurechtzurücken: Die Millennium Development Goals (MDGs) wurden formuliert und sollten den Weg ebnen, zurück zu einer sich nachhaltig zum Besseren entwickelnden Erde.
Die MDGs umfassen Ziele wie die Halbierung der Zahl der Menschen, die in absoluter Armut leben und derer die Hunger leiden. Die Kindersterblichkeit soll um zwei Drittel verringert, allen Kindern soll zumindest eine Grundschulbildung ermöglicht werden. Die Geschlechterungleichheit soll bekämpft und die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung sollen auf die Agenda nationaler Regierungen gesetzt werden.
Dass die meisten dieser Ziele nicht erreicht werden, liegt auch daran, dass all diese Zielsetzungen im öffentlichen Sektor, das heißt durch das Eingreifen der Politik erreicht werden sollen. Eine Debatte, dass auch makroökonomische Ziele – sprich das Wirtschaftssystem – überdacht und auf diese Millenniumsziele hin abgestimmt werden müssten kam nicht auf.
Hier versucht die Green Economy Initiative gegenzusteuern. Sie ist ein Bündel von Maßnahmen, angeleitet von der UNEP (United Nations Environmental Program). Darunter sind Maßnahmen wie der „Global Green New Deal“ (GGND), die Green Jobs Initiative der ILO (International Labour Organization) und andere zusammengefasst. Das Hauptziel ist es, einen Paradigmenwechsel in ökonomischem Denken, Investment und Ressourcenschutz herbeizuführen. Der Zusammenhang zwischen der Umwelt, dem Arbeitsmarkt sowie der Armutsreduktion soll sichtbarer gemacht werden.
Ein Plakat der Grünen zum Thema "Green New Deal"
Die Green New Deal Initiative wurde nach dem Krisenjahr 2008 ins Leben gerufen, angesichts der gravierenden sozialen und ökologischen Probleme und der Instabilität des wirtschaftlichen Systems. Durch einen weiteren „Neustart“ („Reboot“) des wirtschaftlichen Systems werde man sich auch zukünftig steigenden Energiepreisen, wachsenden Klimagas-Emissionen, ökologischem Zerfall und wachsender Armut gegenübersehen. Deshalb, so die Initiative, brauche es eine neue Politik ähnlich F. D. Roosevelts „New Deal“ der 30er Jahre, aber „auf globaler Ebene und auf einer breiteren Basis“. Die Grundidee ist, dass ein Paket an politischen Entscheidungen und Investitionen den Wieder-Aufschwung begleiten und gleichzeitig – etwa durch Investitionen in Umwelttechnologie-Industrien – in nachhaltigere Kanäle leiten soll.
Im Frühjahr 2009 bilanziert der GGND-Report, dass weltweit 2-3 Billionen Dollar in Form von Konjunktur-Paketen in die Wirtschaft gepumpt wurden – jedoch erfüllen nur sehr wenige dieser Pakete die Anforderungen des GGND, auch die soziale und ökologische Nachhaltigkeit zu fördern.
Diese sehr unvollständige Liste zeigt, wie wenig erfolgreich wir bisher dabei waren, das Wirtschaftssystem mit einer nachhaltigen Entwicklung in Einklang zu bringen. Was also muss passieren? Nadal macht in seinem Buch dazu ausführliche Vorschläge, die hier nicht in ihrer Breite vorgestellt werden. Daher – zusammen mit der Empfehlung das Buch zu lesen – ein paar Punkte:
Eine auf nachhaltige Entwicklung ausgelegte makroökonomische Strategie muss sich von der Idee verabschieden, dass Ungleichheiten mit den sogenannten „trickle-down“-Effekten wirtschaftlichen Wachstums behoben werden. Auch soziale Auffangnetze helfen nicht nachhaltig. Soziale und Umweltzielsetzungen müssen ins Zentrum der Wirtschaftspolitik rücken und dürfen nicht mehr erst im Nachhinein berücksichtigt werden. Nadal empfiehlt hier die Umverteilungsfunktion des Steuersystems nach strikt ökologisch-sozialen Gesichtspunkten in den Mittelpunkt zu rücken. Eine Vereinfachung und komplette Umstrukturierung des Steuersystems - weg von der bloßen Nachfragestimulation und hin zu einer Berücksichtigung der ökologischen und sozialen Realitäten ist dazu notwendig. Auch eine Steuer auf Finanztransaktionen fordert der Autor - also die Einführung der sogenannten und viel diskutierten „Tobin-Steuer“. Die Geldpolitik der Zentralbanken soll sich, wenn es nach Nadal geht, vom alleinigen Ziel der Preisstabilität weg entwickeln und mehr Parameter, wie etwa die Bildung von „Blasen“ oder die Entwicklung von Geschäftszyklen auf ihrem Radarschirm behalten. Auch die Re-Regulierung der Finanzmärkte steht auf seinem Wunschzettel.
Insgesamt fordert Alejandro Nadal in seinem Buch ein Wirtschaftssystem, das den Blick weitet und auch die Umwelt wahrnimmt in der sie stattfindet. In diesem Sinne kann man das Buch als eine Forderung nach mehr WirtschaftsGEOGRAPHIE lesen. Denn die Wirtschaftsgeographen nehmen die Anwendung der ökonomischen Modelle und Theorien auf reale Räume vor. Sie interpretieren Wirtschaftsmechanismen unter den „Randbedingungen“ der Realität und forschen über die ökologische und soziale „Kapazität“, über Bedingungen und Folgen wirtschaftlichen Handelns im Raum. Und „Nachhaltigkeit“ ist derzeit ihr Lieblingswort.
Das hier besprochene Buch "Rethinking Macroeconomics for Sustainability" von Alejandro Nadal ist 2011 bei ZED-Books in englischer Sprache erschienen. Der Verlag konzentriert sich mit zahlreichen Büchern auf die Themen Wirtschaft, Umwelt und Entwicklung.
Somalische Flüchtlinge an einem Brunnen in Baidoa, Somalia in 2006. Foto von expertinfantry/flickr
Dieser Staat existiert de facto nicht mehr: Somalia ist inzwischen zu einem Synonym für den sogenannten failed state geworden. Spätestens seit dem Sturz des Diktator Siad Barre 1991 versinkt das Land im Chaos und einem nicht endenden Bürgerkrieg. Aktuellen Berichten zu Folge erklärte sich mit Azania, oder auch Jubaland genannt, Anfang April nach Somaliland und Puntland die dritte Region autonom vom Zentralstaat. Grund genug einen Blick auf dieses zerrissene Land zu werfen.
Somalia wurde im Jahr 1960 unabhängig. Vorher bestand es aus den zwei Staaten Britisch-Somaliland, das seit 1884 Kolonie Großbritanniens war, und Italienisch-Somaliland, seit 1888 italienische Kolonie. Mit der Unabhängigkeit vereinigten sich die beiden Staaten zu einem „Groß-Somalia“.
Damit verstieß die Regierung gegen den Grundsatz der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU), die die Respektierung der Kolonialgrenzen zum Grundsatz erhoben hatte. Allerdings wurden andere Gebiete, in denen Somalis lebten und die zur Schaffung vom wirklichen „Groß-Somalia“ nötig gewesen wären, nicht mit in die Staatsbildung integriert. So blieben Französisch-Somaliland (heute Dschibuti), die äthiopische Provinz Ogaden und der kenianische "Northern Frontier District" außen vor.
Dies führt seitdem zu Spannungen, die sich 1977 in einem Krieg mit Äthiopien zuspitzten. Somalia verlor den selbst angezettelten Krieg. Eine Millionen Flüchtlinge aus der äthiopische Provinz Ogaden wurden in den nördlichen Provinzen des ehemaligen Britisch-Somaliland angesiedelt und bewaffnet. Die nun bewaffneten Flüchtlinge plünderten im Norden und wurden dabei vom Regime in Mogadischu unterstützt. Der durch einen Putsch 1969 an die Macht gekommene Präsident Siad Barre gab den Clans im Norden die Schuld für die Niederlage. Seine Taktik bestand darin, die unterschiedlichen Clans gegeneinander auszuspielen. Die Nord-Süd-Spaltung aus der Kolonialzeit kehrte zurück.
1981 rebellierte der Norden. Damit wurde der Grundstein für den seit 1988 tobenden Bürgerkrieg gelegt. Der Bürgerkrieg führte 1991 schließlich zum Sturz des Diktators Siad Barre. Kurz nach Barres Sturz erklärte sich der Norden als Somaliland für unabhängig. Die vorher gemeinsam gegen Barre kämpfenden Clans fingen nun an, sich gegenseitig zu bekämpfen.
Dies führte zu einer Intervention der Vereinten Nationen. Zwischen 1992 und 1995 wurden im Rahmen einer UN-Mission im somalischen Süden 35.000 Soldaten aus über dreißig Ländern stationiert. Die Mission scheiterte kläglich. Bei der „Schlacht von Mogadischu“ wurden am 3. und 4. Oktober 1993 18 US-Soldaten getötet. Bilder der getöteten und durch die Straßen Mogadischus geschleiften US-Soldaten traumatisierten die USA bis heute.
Somalia wurde mit dem Scheitern der Mission zusätzlich geschwächt. Die Clans bekämpften sich weiterhin. Mitte 2006 eroberte die „Union islamischer Gerichte“ (UIC) Mogadischu und vertrieb die Warlords. Zum ersten Mal war eine gewisse Ordnung im Land wiederhergestellt. Im Dezember marschierte Äthiopien mit Unterstützung der USA in Somalia ein und vertrieb die UIC. Aus dieser Gruppierung ging die radikal-islamische al-Shabab hervor. Nach einer kurzen Phase der relativen Stabilität versank das Land nach der ausländischen Intervention wieder im Bürgerkrieg. Die Regierung Somalias kontrolliert lediglich ein paar Straßenzüge im Zentrum der Hauptstadt Mogadischus. Al-Shabab kontrolliert dagegen weite Landesteile. Ihr werden außerdem Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida nachgesagt.
Der Bürgerkrieg in Somalia hat in den letzten zwanzig Jahren mehreren hunderttausend Menschen das Leben gekostet. Über eine Million Menschen flohen in die Nachbarstaaten, zwei Millionen gelten als "Binnenflüchtlinge".
AZANIA/JUBALAND
Anfang April 2011 erklärte sich die Region Azania oder auch Jubaland genannt an der Grenze zu Kenia für unabhängig. Als Vorbild dienen die relativ stabilen autonomen Gebiete Somaliland und Puntland. Für Kenia ist dies von vordergründigem Interesse, da so ein Puffer entsteht, der das Vordringen der al-Shabab Extremisten nach Süden und ins eigene Land bremsen soll. Außerdem soll so der Flüchtlingsstrom aus Somalia nach Kenia gestoppt werden. Im Flüchtlingslager Dadaab 100 Kilometer von der Grenze zu Somalia entfernt leben 332.000 somalische Flüchtlinge. Von dort soll al-Shabab neue Mitglieder rekrutieren und Angriffe gegen kenianische Dörfer leiten. Kenia möchte das Flüchtlingslager schließen und die Flüchtlinge nach Somalia zurück schicken. Es wird offen darüber spekuliert, dass die Entstehung von Azania/Jubaland entscheidend von Kenia unterstützt, wenn nicht sogar initiiert wurde. Kenia soll zudem die offiziellen militärischen Kräfte aus Azania/Jubaland ausbilden und bewaffnen. Hauptstadt: Kismaayo Einwohner: 1,3 Mio
PUNTLAND
1998 erklärte sich die Region Puntland am Horn von Afrika für autonom, machte aber klar, dass sie keine komplette Unabhängigkeit von Somalia will und eine Wiedervereinigung für wünschenswert hält. Zwischen Puntland und dem benachbarten Somaliland kam es öfter zu sporadischen Kämpfen um die Zugehörigkeit von Grenzregionen. Seit 2005 wurde Puntland als Herkunft der Piratenangriffe und Schiffsentführungen im Golf von Aden weltweit bekannt. Hauptstadt: Garoowe Einwohner: 2,4 Mio
SOMALILAND
Somaliland erklärte sich nach dem Sturz Siad Barre 1991 für unabhängig. Der Staat ist international nicht anerkannt, obwohl er relativ stabil und eine konstitutionelle Demokratie ist. Am Beispiel Somaliland zeigen sich die Unterschiede im kolonialen Erbe. Traditionelle Konfliktlösungsmechanismen der Clans werden mit den Hinterlassenschaften des britischen Common Law verknüpft. Der Süden trägt dagegen die schwere Last der italienischen Kolonialherrschaft. Das somalische Erbe wurde gänzlich zerstört und der Faschismus hinterließ keinerlei brauchbare politische oder administrative Strukturen. Seitdem verhindert die Macht der Clans jeden Regierungsaufbau. Die letzte Präsidentschaftswahl 2010 verlief ohne Zwischenfälle. Hauptstadt: Hargeysa Einwohner: 3,5 Mio
Geschichtlicher Abriss
• 1884: Der Norden des Horn von Afrikas wird zur britischen Kolonie Britisch-Somaliland.
• 1888: Italien erklärt den Süden zur Kolonie Italienisch-Somaliland.
• 1960: Unabhängigkeit und Wiedervereinigung von Britisch-Somaliland und Italienisch-Somaliland zu Somalia.
• 1969: Siad Barre wird durch einen Militärputsch Präsident Somalias.
• 1977-1978: Somalia führt gegen Äthiopien Krieg um die mehrheitlich von Somalis bewohnte äthiopische Provinz Ogaden. Somalia verliert.
• 1981: Der Norden rebelliert gegen Barre
• 1988: Aus der Rebellion wird ein Bürgerkrieg gegen Barre.
• 1991: Diktator Siad Barre wird gestürzt. Somaliland erklärt sich für unabhängig. Der Rest des Landes versinkt im Bürgerkrieg.
• 1992-1995: UN-Mission im Süden Somalias. Scheitert.
• 1998: Puntland erklärt sich für autonom, aber nicht unabhängig von Somalia.
• 2011: Azania/Jubaland erklärt sich unabhängig.
Die Situation in Somalia ist sehr unübersichtlich und ändert sich ständig. Auf Grund des Bürgerkrieges wagen es die wenigsten Journalisten das Land zu betreten. Daher gibt es wenig aussagekräftige Berichte aus dem Land. Teilweise widersprechen sich einige Quellen, teilweise ist es schwer an gesicherte Informationen heranzukommen. Daher kann dieser Artikel unbeabsichtigte Fehler enthalten.