Mittwoch, 22. Juli 2009

Einer unter tausenden - als Migrant durch Afrika

von Simon Argus

Vor einem Jahr habe ich in Kapstadt zur Miete bei einem Mann aus Burundi gelebt. Claude war dort 1993 geflohen und nach 9 Jahren in Südafrika angekommen. Er ist einer von mehr als 2 Millionen Migranten in diesem Land und hat es scheinbar geschafft: Er wohnt heute in einer relativ guten Gegend und hat ein weitgefächertes Netzwerk in der frankophonen Community. Doch die Zukunft ist ungewiss.

1993 brachen in Burundi Unruhen aus. Der neugewählte Präsident - ein Hutu - wurde ermordet und in den anschließenden Tagen und Wochen gab es zahlreiche Übergriffe innerhalb der Bevölkerung. 300 000 Hutu flohen vor marodierenden Tutsi-Kriegern. Darunter auch mein Vermieter. Er war damals 16 Jahre alt und schaffte es zu Fuß über die Grenze in den Kongo. Da seine Familie aus Ruanda stammte war dies sein erstes Ziel, er erreichte es durch die Umgehung von zahlreichen Straßenblockaden zu Fuß und auf den Ladepritschen von Kleinlastern. In Ruanda stellte er seinen ersten Asylantrag.

Doch die Reise hatte gerade erst begonnen. Die Information, dass die Eltern, von denen er seit seiner Flucht getrennt war, in Kenia gelandet waren, veranlasste ihn, erneut das Land zu wechseln - diesmal bequemer mit dem Flugzeug. Er stellte seinen zweiten Asylantrag. In Nairobi lebte Claude dann einige Jahre. Dort gibt es viele Flüchtlinge, die meisten wohnen in den zahlreichen Slums der Stadt. Kibera ist einer davon - möglicherweise der größte Slum Afrikas mit einer desaströsen sanitären Versorgung und der unglaublichen Einwohnerdichte von 300 000 Menschen pro Quadratkilometer. Alle von ihnen leben in Wellblechhütten.

In Nairobi war es auch, wo Claude das erste mal mit dem Internet in Verbindung kam - eine wichtige Entwicklung für Menschen wie ihn. Ende der 90er Jahre war Internet in Afrika noch eine Seltenheit, mein Vermieter arbeitete in einem der ersten Internetcafés am Ort. Man verschickte "Faxe" - in Wirklichkeit E-Mails - zu einem geringeren Preis als die staatliche Post, die gewöhnlich für Faxe zuständig war.

Das Internet verhalf Claude von nun an sein Netzwerk an Bekannten und "Geschäftspartnern" zu pflegen. Heute haben auch in Afrika viele eine E-Mail-Adresse oder einen Facebook-Account. Diese Netzwerke sind unerlässlich für Menschen wie Claude. Er tauscht darüber Informationen aus über Einreisebestimmungen und Tricks, wie man bei gewissen Behörden weiter kommt. Die über viele Staaten zerstreuten Freunde und Familienmitglieder haben so endlich eine Möglichkeit in Kontakt zu bleiben, Geschäfte können angebahnt und neue "Business-Opportunities" aufgespürt werden. Schließlich gründen sich auch Organisationen und Vereine von Migranten, die versuchen die Lage zu verbessern oder zumindest auf sie aufmerksam zu machen.

In derselben Stadt lernte er schließlich auch seine kenianische Freundin kennen. Sein Asylantrag wurde über die Jahre allerdings nie anerkannt und Übergriffe durch die Polizei auf die Flüchtlinge nahmen zu. Dies veranlasste Claude erneut weiter zu ziehen. Im Jahr 2000 verließ er Kenia. Sein Ziel diesmal: Simbabwe. Dort - so hieß es - gäbe es günstige Bedingungen für einwandernde Schwarzafrikaner. Sogar seine abgebrochene Ausbildung könne er dort mit finanzieller Unterstützung zu Ende bringen. Soweit die Versprechungen.

Die Reise ging über viele Monate via Tansania, Malawi und Mosambik. In jedem der Länder mussten sich Claude und seine Freundin mit neuen Papieren versorgen. Ein neuer Pass und eine neue Identität, um bei den Grenzbeamten durchzukommen. Auch musste jedesmal Arbeit gefunden werden, um genügend Geld für die Reise zu haben. In Tansania arbeitete er in einem Frisörsalon, auch in Malawi verrichtete er Aushilfsjobs.

In Simbabwe angekommen erlebte das junge Paar eine herbe Enttäuschung. Das Land war inzwischen im Chaos versunken, weder Arbeit noch eine Ausbildung waren hier zu haben. Robert Mugabe hatte mit seiner Politik zunächst die weiße Minderheit vertrieben und nun - aufgrund von Nahrungsmittelknappheit und der katastrophalen Wirtschaftslage - verließen auch immer mehr Schwarze das untergehende Land. Die Wirtschaftssanktionen des Auslandes machten die Situation für die einfachen Menschen noch schlimmer. Claude arbeitete eine Weile beim roten Kreuz und als Übersetzer der Einwanderungsbehörde. Schließlich entschied er sich erneut weiter zu ziehen. Das letzte Ziel auf seiner Reise in den Süden war Südafrika.

Zwischen Simbabwe und Südafrika herrscht ein reger Grenzverkehr - illegal und heimlich. Die Strecke ist nicht ohne Risiko, wenn man keine Papiere geschweige denn ein Visum hat.
In Südafrika ist Claude noch heute. Mit einem kleinen Internet-Laden hat er sich eine gewisse finanzielle Stabilität erarbeitet und die UN hat ihm inzwischen den Flüchtlingsstatus zuerkannt. Claude überlebt in einem Land, das ihm keinerlei Unterstützung gewährt, sollte er einmal arbeitslos sein oder krank werden. Für diese Fälle braucht er sein Netzwerk, Claude ist regelmäßig online.

Die Zukunft ist ungewiss. In Südafrika ist es zu "Xenophobic attacs" gekommen, aufgebrachte Bewohner zahlreicher Townships zündeten die Hütten von Ausländern an und prügelten einige von ihnen zu Tode. Claude, der in einer friedlichen Gegend wohnt, nahm in diesen Zeiten Bekannte auf, die in ihren Hütten nicht mehr sicher waren. Doch die Gefahr ist nicht gebannt. "In Südafrika kann ich mich nicht frei bewegen", beklagt er sich und meint die hohe Gewaltrate und die vielen Morde, die auch in Kapstadt nach Dunkelheit passieren.

Inzwischen hat Claude seine Freundin geheiratet. Sein erstes Kind wurde geboren, Claude ist heute 32 Jahre alt. Der Plan heißt: Zurück nach Kenia.

>Abbildungen: (oben:) die Route von Claude zwischen 1993 und 2002. (unten:) hier leben heute die meisten Migranten: in den Slums großer Städte wie in diesem Beispiel in Kapstadt. (eigene Bilder).

>Links: Beispiel für eine Internet-basierte Organisation afrikanischer Flüchtlinge: UTRS-Africa, "Unity for Tertiary Refugee Students".

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