Mittwoch, 14. Oktober 2009

Alternative Konzepte für den Alltag - Teil 1: Die Rikscha als öffentliches Verkehrsmittel

von Steffen Hirth

Ob Politiker oder Wissenschaftler, die halbe Welt sucht nach Möglichkeiten, die Folgen des Klimawandels abzumildern - und das ist auch gut so. Aber manchmal ist die Lösung einfacher als man denkt. So wie Wirtschaftswachstum den Menschen nicht notwendig glücklicher macht, sind es nicht immer neue Technologien, die eine Lösung für unsere Probleme darstellen. Die Rikscha trägt ungeahntes Potential für ein zukunftsfähiges öffentliches Verkehrsmittel in sich, sofern die richtigen Voraussetzungen dafür geschaffen werden.

Eine Rikscha ist für viele Menschen noch immer mit Exotik oft aber auch mit Rückständigkeit verbunden. Beim Gespräch mit einem älteren Ehepaar auf einer Picknicktour gestanden mir die beiden, dass sie vor Fahrtantritt ethische Bedenken gehabt hatten, da sie sich eine Laufrikscha vorgestellt hatten, die mühevoll von Hand gezogen wird.

Auch wenn sie nach wie vor mit Muskelkraft betrieben wird, die Rikscha von heute steht für Spaß, Ästhetik und Umweltverträglichkeit. Während sich über die ersten beiden Punkte noch streiten lässt, ist der letztere kaum anzufechten: Eine Rikscha benötigt keine andere Energiezufuhr als die Nahrung, die der Fahrer zu sich nimmt und verzeichnet im Betrieb keinerlei Emissionen, d.h. sie verursacht weder klimaschädliche Treibhausgase noch gesundheitsgefährdenden Feinstaub und Verkehrslärm. Zudem wird sie auch auf Dauer die selben Preise anbieten können, während Kraftstoffe und somit Autofahren immer teurer werden, und trägt auf diese Weise zu sozialer Gerechtigkeit bei (weitere Vorteile der Rikscha gibt es auf Pro-Rikscha.de, einem Projekt des Verkehrsclub Deutschland).

Der Rikscha Verleih Mainz, für den ich seit Mai tätig bin, hat einen Fuhrpark von drei Rikschen. Ein großes Standbein des Geschäfts sind Fahrten für Hochzeiten, im Repertoire stehen aber auch Stadtrundfahrten, Römertouren, Mondscheinfahrten oder Picknicktouren mit regionalen und ökologisch angebauten Köstlichkeiten.

Im "beschaulichen" Mainz gehört die Rikscha noch nicht zum alltäglichen Stadtbild. Das hat einerseits etwas sehr Schönes - ich habe noch nie zuvor in meinem Leben so viele lächelnde Menschen gesehen - andererseits muss ich oft daran denken, welches ungenutzte Potential in der Rikscha steckt. In Städten wie Berlin, Frankfurt oder München ist sie längst zu einem öffentlichen Verkehrsmittel geworden, das eine ernstzunehmende Alternative zu Bus und Bahn, aber vor allem zum Auto ist.

Wenn ich auf ebener Fläche mit der Rikscha unterwegs bin, kann ich eine durchschnittliche Geschwindigkeit von etwa 15 km/h erreichen. Zum Vergleich: Ein Auto kommt im Stadtverkehr in der Regel nicht über eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h hinaus. Bei Steigungen ist man mit einer gewöhnlichen Rikscha zugegeben nicht schneller als ein Fußgänger, allerdings können moderne Modelle zusätzlich mit einem Elektromotor ausgestattet werden, der bei Bedarf zugeschaltet wird (sofern man Strom aus erneuerbaren Energien verwendet, ist die Öko-Bilanz dann auch wieder im Reinen).

Das Potential der Rikscha geht sogar über das öffentliche Verkehrsmittel hinaus: Sie könnte ein entscheidender Baustein sein auf dem Weg von der autogerechten zur autofreien Stadt. Eigentlich ist die Stadt, die sich im Allgemeinen ja durch eine Konzentration von Menschen und Bausubstanz auszeichnet, geradezu prädestiniert dafür, ohne Autos auszukommen. In einer kleineren Großstadt wie Mainz beträgt die Distanz zwischen dem suburbanen Raum und dem Zentrum nur wenige Kilometer, so dass sie auch mit reiner Muskelkraft innerhalb weniger Minuten zurückgelegt werden kann.

Die Radwege in Mainz sind jedoch zum Teil in schlechtem Zustand, sie sind schmal und für Rikschas oft nicht befahrbar, weil mal ein Baum, mal ein Wahlplakat, mal ein parkendes Auto im Weg steht. Im Atlas der Globalisierung "Klima" plädiert man für die Ausweisung autofreier Zonen. In Städten wie Amsterdam oder Kopenhagen gebe es zwar schon genauso viele Radfahrer wie Fahrgäste des öffentlichen Verkehrs, solche umweltverträglichen Ansätze blieben jedoch wirkungslos, solange dem Autoverkehr Vorrang eingeräumt werde (Le Monde diplomatique 2008: 76).

Eine Stadt ohne (oder mit wenigen) Autos würde mehr Sicherheit für Radfahrer, Fußgänger und ehemalige Autofahrer bedeuten; sie wäre deutlich ruhiger (Verkehrslärm macht krank) und es stünden mehr Freiräume zur Verfügung, da weniger Parkplätze benötigt würden.

Ein Schritt in diese Richtung wäre die Ausweisung von Straßen, die für den motorisierten Verkehr gesperrt wären (ausgenommen Notfallverkehr) und sozusagen als Schnellstraßen für den Rad- und Rikschaverkehr dienen würden. Das Konzept eines Drei-Wege-Modells (Schiene, Fahrradstraße, Straße) habe ich bereits in einem früheren Artikel vorgestellt.

Gerade in der Stadt ist ein Leben ohne Auto kein Problem. Der öffentliche Nahverkehr macht es möglich - er ist bereits gut, aber könnte besser sein. Rikschas könnten das Angebot des öffentlichen Verkehrs erweitern und autofreie Straßen nutzen, um ungehindert ihr ganzes Potential zu entfalten. Wenn man dann doch mal ein Auto braucht, ist CarSharing, also die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Autos, ein gutes Konzept.

Man kann nicht behaupten öffentlicher Verkehr sei teuer, während Privatpersonen jährlich Vermögen für Neuwagen und Sprit ausgeben. Wenn wir den Klimawandel wirklich bremsen wollen und auch in Zukunft mit den uns gegebenen Rohstoffen auskommen wollen, dann müssen wir nachhaltige Verkehrsmittel - wie die Rikscha - nutzen, die uns ja schon heute, ohne weitere Forschung, zur Verfügung stehen. Die Politik muss aufhören, nur der Arbeitsplätze wegen schädigende Industriezweige aufrecht zu erhalten, da sie damit wirkliche Nachhaltigkeit blockiert.

Literatur:

Le Monde diplomatique (2008): Von der autogerechten zur autofreien Stadt. In: Atlas der Globalisierung - Klima. Berlin: S. 76-77.

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