Dienstag, 10. November 2009

Auf Wachstum verzichten

von Steffen Hirth

Die Erde im Jahr 2009. Die Wirtschaft steckt in der Krise und von rechts bis ganz links ruft alles nach neuem Wachstum. Nur wenige Stimmen widersprechen dieser Strategie, unter ihnen ist Professor Serge Latouche aus Paris. Sein Ansatz der "décroissance" kritisiert unsere auf Verschwendung von Ressourcen und Zerstörung unserer Lebensgrundlagen aufgebaute Art zu wirtschaften. Eben nicht zu wachsen ist für ihn der einzige Ausweg aus jener Krise, die die Menschheit selbst hervorgerufen hat.

Im Rahmen der Vortragsreihe "Jedes Paradigma hat ein Ende – eine kri­ti­sche Ana­ly­se des Ka­pi­ta­lis­mus" der Hochschulgruppe diskursiv war Herr Latouche gestern zu Gast an der Uni Mainz, um seine Vorstellung von einer Gesellschaft jenseits des Wachstumsgedankens zu skizzieren.

Nachdem im 19. Jahrhundert die erste industrielle Revolution, im wesentlichen getragen von der Kohle, ein bis dato nicht gekanntes Angebot von Waren ermöglichte, führte die "thermo-industrielle" Gesellschaft - inzwischen zum Öl gekommen - ab den 1950er Jahren den Massenkonsum ein (siehe auch die Regulationstheorie). Auf drei Pfeilern fusste von da an der Kapitalismus, ein Kreislauf aus...

  • Werbung/Marketing, das Wecken von Nachfrage für ein Produkt (500 Mrd. Dollar werden weltweit dafür ausgegeben)
  • Kredit - um in der Lage zu sein, die eigene Nachfrage zu befriedigen
  • Das "obsolet" werden, also das Sinnlos-Werden eines Produktes (das nicht mehr up to date ist oder nicht mehr repariert werden kann/soll.
Um diesen Kreislauf aufrecht zu erhalten, wurde die Ideologie - Latouche spricht sogar von Religion - des Wachstums entwickelt. Wie es für eine Arbeitsgesellschaft nichts schlimmeres als Arbeitslosigkeit gibt, so ist es für die Wachstumsgesellschaft die Rezession. Die Auffassung "Wachstum schafft Arbeit" ist daher in ähnlicher Form häufig Teil politischer Programme, hier aus dem Wahlkampf diesen Jahres, vertreten von Angela Merkel (Quelle: Focus.de).

Gelingt das Wachstum nicht, kommt es zu Kürzungen im Sozialsystem oder zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Als symptomatisches Beispiel nennt Latouche die Selbstmordwelle bei France Telecom (siehe z.B. FAZ.net).

Die strikten Kontrollmethoden bei dem französischen Unternehmen sind stellvertretend für eine Gesellschaft, die diejenigen belohnt, die sich - so paradox es klingt - dem Diktat unterordnen, um jeden Preis besser sein zu wollen, als alle anderen. In dieser Leistungsgesellschaft herrscht die Vorstellung unser Glück hinge unweigerlich von mehr Wachstum, mehr Produktivität, mehr Kaufkraft und mehr Konsum ab.

In der Tat hat sich durch das Wachstum seit der Industriellen Revolution der Lebensstandard in den Ländern des Nordens kontinuierlich verbessert, erkennbar ist das unter anderem an der gestiegenen Lebenserwartung. Die entscheidene Frage ist aber, welchen Preis wir dafür zahlen mussten? - denn wo etwas wächst, so verlangt es die Logik, da muss auch etwas schrumpfen. Das Dilemma: Was da tagtäglich immer schneller schrumpft ist unsere Lebensgrundlage.

Ein entscheidender Parameter für diesen Zusammenhang ist der ökologische Fußabdruck. Die von dem kanadischen Wirtschaftswissenschaftler William Rees geprägte Einheit gibt an, welche Fläche ein bestimmter Lebensstandard beansprucht, bzw. welche Fläche an Böden und Gewässern nötig ist, um die Ressourcen für diesen Lebensstil bereitzustellen und die Abfälle aufzunehmen (Le Monde diplomatique 2008: 11).

Grafik rechts: Ökologischer Fußabdruck ausgewählter Länder; angegeben ist der Fußabdruck in Hektar pro Person; Daten aus dem Living Planet Report 2006 (Quelle: oekosystem-erde.de).

Nach dieser Berechnung benötigt ein Deutscher im Durchschnitt 4,2 Hektar, ein US-Amerikaner hingegen 9,4 Hektar (Quelle: happyplanetindex). Würde jeder Bewohner der Erde einen Lebensstandard wie ein US-Amerikaner genießen, bräuchten wir etwa fünf Planeten. Eine nachhaltige Nutzung der Flächen, würde hingegen bedeuten, dass jeder Mensch nur etwa 1,8 Hektar für seinen Lebensstandard beanspruchen dürfte. Zum Vergleich: Würde jeder Mensch so leben wie in Burkina Faso, dann könnte die Welt etwa 23 Mrd. Menschen fassen.

Gedankenkonstrukte dieser Art machen eines deutlich: Die Menschen in den Ländern des Nordens leben erstens auf Kosten der zukünftigen Generationen und zweitens auf Kosten der sogenannten Entwicklungsländer, den Ländern des Südens, die den Großteil der Rohstoffe für "unseren" Lebensstil liefern.

Welcher Morgenmuffel ist sich, wenn er den Tag mit einer Tasse Kaffee beginnt, schon darüber im Klaren, dass für die Herstellung dieser einen Tasse etwa 140 Liter Wasser verbraucht wurden (Quelle: Utopia.de)? Wer denkt beim Joghurt-Essen schon daran, dass dieser Becher eine Reise von ungefähr 9000 km hinter sich hat? Die enormen Transportwege und der damit verbundene Energieaufwand, die Kehrseite der Globalisierung ist es, die Latouche kritisiert.

Dieser komfortable Standard macht unser Leben vollständig von einem Rohstoff abhängig: vom Erdöl. Doch der "Peak Oil", die größtmögliche Fördermenge von Erdöl, ist oder wird in den nächsten Jahren erreicht, von nun an geht es nur noch bergab. Unter diesen Umständen Wachstum zu fordern ist nicht nur naiv, es ist fahrlässig.

Mit dem enormen Flächenverbrauch und nicht zuletzt dem Klimawandel ist bereits ein Artensterben mit enormer Geschwindigkeit in Gang gesetzt worden. Ist es am Ende die Menschheit, die ihren eigenen Untergang besiegelt? Es geht hier nicht um apokalyptischen Populismus, sondern um die berechtigte Frage, wie es um die Zukunft der Menschheit bestellt ist, wenn eines fest steht: Weiteres Wachstum ist in dieser Form nicht mehr lange möglich.

Allein auf neue Technologien zu vertrauen, hält Latouche nicht für sinnvoll. Den Ansatz der "Décroissance" umzusetzen, bedeutet für ihn ein neues Wertesystem zu finden - ein System, das Altruismus über Egoismus, Kooperation über Wettbewerb und Qualität über Quantität stellt. Was häufig als Armut deklariert wird, könne man zum Beispiel auch als Genügsamkeit sehen.

Neben seinem "cercle vertueux", einem positiven Kreislauf, mit dem das Nichtwachstum gelingen soll (siehe obige Grafik), stellt Latouche in einem politischen Programm folgende Forderungen auf:

1) einen nachhaltigen ökologischen Fußabdruck wiederfinden
2) durch angemessene Öko-Steuern die Transportwege reduzieren
3) Wirtschaftliche Aktivitäten relokalisieren
4) die Landwirtschaft reformieren (z.B. Pestizide und Nitrate reduzieren)
5) die Produktivität verändern, indem die Arbeitszeit reduziert wird
6) die Produktion und den Austausch von zwischenmenschlichen/geistigen Gütern stärken
7) den Energieverbrauch um den Faktor 4 reduzieren (Stichwort Negawatt)
8) Werbung reduzieren (auf einen bestimmten Prozentsatz des Umsatzes eines Unternehmens)
9) wissenschaftlich-technische Forschung umorientieren
10) sich das Geld in Händen multinationaler Unternehmen und Banken wieder aneignen (Anm.d.Verf.: Ist ein bedingungsloses Grundeinkommen vielleicht eine Lösung?).

Der Weg in eine lebenswerte Zukunft erfordert es nach Latouche auf die konventionelle Form von Wachstum zu verzichten. Doch gerade Umweltschutz hört für viele da auf, wo Verzicht anfängt. An dieser Stelle sei auf die Relativität des Begriffes "Verzicht" verwiesen. Der Sozialpsychologe Harald Welzer stellt fest, dass wir aus Angst vor Veränderung meist vergessen, dass unser Status Quo mit unzähligen Verzichtsleistungen erkauft ist - denken Sie mal drüber nach...

Literatur:

Le Monde diplomatique (2008): Eine Erde reicht nicht mehr. In: Atlas der Globalisierung - Klima. Berlin: S. 10-11.

Webtipps:


2 Kommentare:

  1. Ich habe im Vorfeld der vom 20.-22. Mai an der TU Berlin stattfindenden Konferenz „Jenseits des Wachstums“ (http://www.jenseits-des-wachstums.de/) eine ausführliche Recherche zum gleichnamigen Thema durchgeführt und deren Ergebnisse unter http://www.stoerfall-zukunft.de/blog ins Netz gestellt. Sie hier in voller Länge zu veröffentlichen, macht keinen Sinn, da sie sehr umfangreich ist. Wer Interesse hat, schaue doch mal unter der angegebenen URL.
    Schöne Grüße aus Ratingen!
    Dr. Ulrich Scharfenorth

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  2. Vielen Dank, Herr Scharfenorth, für Ihr Kommentar und Ihren Beitrag!

    Hier noch einmal der direkte Link dem Beitrag (denn inzwischen sind natürlich schon einige Beitrage gefolgt):
    http://www.stoerfall-zukunft.de/blog/289-weiter-so-oder-wirtschaft-ohne-wachstum

    Ich möchte an dieser Stelle auch auf einen neuen Artikel verweisen, zum Vortrag von Bruno Latour bezüglich eines (längst überfälligen) "materialistic shift" in den Sozialwissenschaften:
    http://geozentrale.blogspot.com/2011/10/die-zuwendung-der-sozialwissenschaften.html

    Beste Grüße aus Mainz,
    Steffen Hirth

    Beste Grüße

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