Sonntag, 29. November 2009

Klimawandel (3): mit der Handel-Macht-Klima-Karawane nach Kopenhagen

ein Kommentar von Steffen Hirth

Anfang Dezember wird die Handel-Macht-Klima-Karawane innerhalb einer Woche von der Ministerkonferenz der WTO in Genf zum UN-Klimagipfel in Kopenhagen ziehen. Die etwa 60 AktivistInnen aus Ländern des Südens wollen zeigen, welche Folgen neoliberale Globalisierung und Klimawandel auf ihr Leben haben. Sie wollen Alternativen zur Handelsliberalisierung und Privatisierung von Ressourcen suchen und auf diese Weise für andere Verhältnisse zwischen dem Norden und dem Süden kämpfen.

Als ich vor kurzem gebeten wurde, in der Geozentrale auf die Aktion hinzuweisen und ich mir die dazugehörige Infoseite ansah, kam ich ins Grübeln. Obwohl mir die Aktion generell absolut unterstützenswert erschien, hatte mich das Logo der Klima-Karawane misstrauisch gemacht. Symbolkräftig ist da ein alter VW-Bus zu sehen – nicht das neuere kantige Modell, sondern das alte, abgerundete, gemütliche, das wohl für immer für die Art von Freiheit stehen wird, wie die Hippies sie gelebt haben (oder noch immer leben).

Ohne die sozialen Errungenschaften der freiheitlichen Bewegung ab Ende der 1960er Jahre verleugnen zu wollen, war es eben dieser olle Spritfresser, der mir nicht mehr ganz up-to-date, nein eigentlich in höchstem Maße unangebracht, erschien.

Meine ersten Gedanken waren: Wie wollen Aktivisten ernst genommen werden, die Benzin verbrennen, um zum Klimagipfel zu gelangen? Sollten sie nicht alles in ihrer Macht stehende tun, um dorthin zu gelangen ohne von fossilen Energieträgern abhängig zu sein? Wäre eine Karawane ohne Autos nicht viel glaubhafter und letztendlich wirksamer der Öffentlichkeit gegenüber?













Zugegeben, die ganze Strecke von Genf nach Kopenhagen mit dem Rad zurückzulegen ist in einer Woche kaum machbar. Man könnte jedoch demonstrativ Teile der Strecke radeln und den Rest mit der Bahn fahren. Jeder weiß: Öffentlicher Verkehr ist energieeffizienter, als motorisierter Individualverkehr – eine „Karawane“ in der Bahn wäre also ein klarer Appell an die Politik.

Ich muss allerdings eingestehen, dass die Deutsche Bahn ebenso mit fossilen Energieträgern angetrieben wird. „Mit 54 Prozent Kohlestrom, 32 Prozent Atomstrom und 14 Prozent Wasserkraft ist der Bahnstrommix umwelt- und klimaschädlicher als der Strommix in den öffentlichen Netzen.“ schreibt die Fraktion der Grünen im Bundestag und fordert in einem Antrag vom 11. Februar 2009 die Bundesregierung auf, den Bahnstrom bis 2030 vollständig auf erneuerbare Energien umzustellen.

Doch zurück zur Sache: Nach einigem Überlegen bin ich dann doch zu dem Schluss gekommen, dass ich den Aktivisten keine Vorwürfe machen kann. Sie sind nicht schuld daran, dass Bahnfahren hierzulande immer noch viel zu teuer und immer noch nicht frei von fossilen Energieträgern ist. So schmutzig sie auch sein mögen, was machen schon ein paar klapprige VW-Busse zwischen Millionen modernen, „verbrauchs- und emissionsarmen“ Fahrzeugen aus, die tagtäglich die Verkehrsadern der Erde durchströmen?

Wenn die Aktivisten physische Präsenz in Kopenhagen zeigen, davon bin ich überzeugt, wird das im Hinblick auf den Klimaschutz mehr nützen, als die nicht ganz einwandfreie Fahrt dorthin schadet. Die Schwierigkeit sich ohne fossile Energie fortzubewegen zeigt nur, wie viel wir noch verändern müssen.

Also an alle, denen es möglich ist sich der Karawane anzuschließen: auf nach Kopenhagen!

Hier die Route der Karawane:

1611930

Western Route

Eastern Route


Nähere Infos auf der offiziellen Seite: www.climatecaravan.org

Freitag, 27. November 2009

"Sichere Räume" in San Salvador

von Eva Jünemann
In dem kleinen Land El Salvador werden jeden Tag im Schnitt 14 Menschen ermordet. Bei einer Gesamt-bevölkerung von 5,7 Millionen ist das eine ganze Menge. Besonders die Hauptstadt San Salvador verzeichnet hohe Kriminalitätsraten. Es stellt sich nun die Frage wie eigentlich die Ober- und Mittelschicht des Landes mit dieser bedrohlichen Situation in ihrem Alltag umgeht.

In jeder Stadt gibt es Gebiete, die als gefährlicher gelten als andere. Das Gefühl von Sicherheit oder Unsicherheit ist hierbei eine Sache der subjektiven Wahrnehmung. Die kritische Kriminalgeographie geht davon aus, dass räumlich gebundene Unsicherheiten konstruiert sind und dass als Reaktion auf diese wahrgenommene Unsicherheit wiederum „sichere Räume“ konstruiert werden. In vielen Städten dieser Erde setzt wegen eines steigenden Unsicherheitsempfinden ein Prozess ein, indem Kontroll- und Präventionsmaßnahmen zunehmen: Videoüberwachung im öffentlichen Raum, private Sicherheitskräften Gated Communities. In Ländern wie El Salvador werden sichere Räume von der Ober- und Mittelschicht nachgefragt und wo es eine Nachfrage gibt, kommt ein Angebot aus der Privatwirtschaft.

Wohin geht man, wenn man sich in San Salvador sicher fühlen will? Bewachte Wohnanlagen, Shopping Malls, Parkplätze, Bürogebäude, Supermärkte, Fitnessstudios und Restaurants. Laut nationalen Statistiken arbeiten in El Salvador dreimal so viele Menschen für private Sicherheitsfirmen wie für die Polizei. In diesem Land wimmelt es nur so von bewaffneten Männern, die Zugänge zu etlichen Gebäuden bewachen. Jeder, der es sich leisten kann, hat ein Auto, eine Alarmanlage und einen Nachtwächter vor der Tür. Damit man sicher Bargeld abheben und einzahlen kann gibt es Geldautomaten, die nach dem bewährten DriveIn-System von MC Donald funktionieren, so dass man das Auto nicht verlassen muss.

In El Salvador gibt es zwar wegen der hohen Kriminalitätsraten kaum internationalen Tourismus, der Binnentourismus boomt trotzdem: Wer Geld hat, sucht am Wochenende auf dem Land, in den Bergen oder am Strand nach ein bisschen Freiheit und Ruhe.
Was ist aber mit denen, die es sich nicht leisten können……?

Die…haben Pech gehabt, denn wenn man sich hier sicher fühlen will, muss man Geld haben.

Literatur:

GLASZE, G., R. PÜTZ und M. RULFES (Hrsg.)(2005): Diskurs, Stadt, Kriminalität. Städtische (Un-) Sicherheiten aus der Perspektive von Stadtforschung und kritischer Kriminalgeographie. Bielefeld.

Bilder:

oben: Die Shopping Mall Multiplaza in San Salvador
Quelle: http://wifisv.files.wordpress.com/2009/01/multiplaza26vz.jpg

unten: „Drive through“ Geldautomaten
Quelle: http://travel.webshots.com/photo/2809239060055585758ginIJL

Mittwoch, 25. November 2009

Klimawandel (2): Die aktuellen Wasserstände

von Simon Argus
Nur noch wenige Tage bis zur Welt-Klimakonferenz. Doch wie tief stecken wir eigentlich gerade in der Krise? Forscher haben die aktuellen Eckdaten zusammengetragen. Böse Überraschungen sind in der Zukunft weiterhin nicht ausgeschlossen.

In einem Bericht, den Wissenschaftler kurz vor Konferenz-Beginn noch herausgegeben haben, fassen sie die neusten Ergebnisse seit dem letzten offiziellen Weltklimabericht von 2007 zusammen. Sie verheißen nichts Gutes.

Temperatur

Es geht darum, dass in den nächsten 90 Jahren unser Klima bei unverändertem CO2-Ausstoß um sieben Grad wärmer wird. Entgegen aller Bemühungen hat sich der Ausstoß dieses Klimagases seit 1990 um 40% erhöht und er wächst weiter. Um in einem erträglichen Rahmen von 2°C zu bleiben, dürften wir bei den heutigen Raten noch genau 20 Jahre weitermachen - und müssten dann die Luft anhalten. Andernfalls drohen der Menschheit große Katastrophen: Der Untergang vieler dicht bevölkerter Küstenstreifen, gleichzeitig Kämpfe um Trinkwasser und Lebensraum.

Barrack Obama hat sein Erscheinen auf der Klimakonferenz nun doch zugesagt (zumindest für einen Tag), doch ob es für ein positives Ergebnis reichen wird ist höchst zweifelhaft: Seine Ambitionen sind gering, gerade einmal um 17% wollen die USA ihren CO2 Ausstoß im Vergleich zum Jahr 2005 senken - und das erst bis zum Jahr 2020.

Dabei sind die USA einer der größten Klimasünder weltweit: Pro Kopf stoßen sie jährlich knapp 20 Tonnen CO2 aus - das ist zehn mal soviel, wie unsere Erde langfristig ertragen kann, ohne dass sich das Klima grundlegend ändert. Aber auch Europa schießt über das Ziel hinaus: Anstatt der erträglichen 2 Tonnen, stößt jeder Deutsche pro Jahr knapp 10 Tonnen CO2 aus. Relativ gut kommen im Vergleich die bevölkerungsreichen Schwellenländer China (3,9 Tonnen) und Indien (1,1 Tonnen) weg. Bei einer anhaltend rasanten Wirtschaftsentwicklung ist aber auch hier eine Steigerung zu erwarten (mehr auf diesem Blog...).

Meeresspiegel

In diesem Mashup von Google-Maps kann man das Szenario für die eigene Region durchspielen: Die gewünschte Höhe des Meeresspiegels an der Seite angeben und schauen ob es für die eigenen Füße bereits feucht wird.


Neben der Temperatur ist der zweite Hauptaspekt des Klimawandels ein steigender Meeresspiegel. Dieser ist in den letzten 15 Jahren um 5 cm gestiegen, weitere 7 Meter werden hinzukommen, sollte das Grönlandeis vollständig abschmelzen. Und auch dieses Szenario scheint zunehmend wahrscheinlicher zu werden: Britische Wissenschaftler (mehr bei nature-online...) haben nun das Abschmelzen der Pole detailliert erfasst und stellen fest: Die weltweiten Eisschilde schmelzen um 40% schneller als bisher angenommen.

Düstere aussichten also - aber wie wahrscheinlich ist es, dass sich die Welt zusammenrafft und es zu einer effektiven Lösung kommt? Auf der einen Seite steht der reiche Norden - unwillig auf gewohnten Wohlstand zu verzichten und daher wohl unfähig den eigenen CO2-Ausstoß extrem zu senken. Auf der anderen Seite stehen die Entwicklungs- und Schwellenländer: Unwillig auf Aufstiegschancen zu verzichten, unfähig bei ihrer Industrialisierung die Fehler der alten Welt zu vermeiden.

Oder doch? Das Zeitfenster ist kurz, Kopenhagen ist eine der wenigen verbleibenden Chancen.

Samstag, 21. November 2009

Jugendbanden in Zentralamerika

von Eva Jünemann
Jugendgewalt zeigt sich weltweit in unterschiedlichen Ausprägungen. Ob bewaffnete Drogengangs in Rio, Krawalle in den Vorstädten von Paris oder Angriffe von jugendlichen Schlägern in der Münchner U-Bahn. In Zentralamerika findet Jugendgewalt vor allem Ausdruck in aggressiv agierenden, überregional vernetzten Jugendbanden.

Zentralamerika zählt zu den gewalttätigsten Regionen der Welt. Etwa 80% aller Verbrechen werden von Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren begangen. Davon werden die Hälfte aller Morde den Jugendbanden, den sogenannten Maras oder auch Pandillas zugeschrieben. In El Salvador, Honduras und Guatemala zählen sie je etwa 60 000 Mitglieder.

Der Großteil der Bandenmitglieder ist zwischen 12 und 30 Jahre alt. Als Ursache ist das Zusammenwirken von wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit, Armut, mangelhafter Bildung und sozialer Desintegration zu sehen. Sie üben eine enorme Sogwirkung auf Tausende von Jugendlichen aus, denn sie bieten den jungen Menschen das, was ihnen fehlt: Solidarität, Zugehörigkeit zu einem familienähnlichen Netzwerk, Identität, Anerkennung und finanziellen Halt.

Maras unterscheiden sich von kleinkriminellen Gruppen nicht nur hinsichtlich Organisationsgrad und Gewalttätigkeit, sondern insbesondere auch in ihrem geradezu totalitären Anspruch an den Lebensstil ihrer Mitglieder. Ihr Kleidungsstil erinnert stark an den US-amerikanischer Gangmitglieder, besonders auffällig sind auch die großflächigen Tätowierungen und die sprachliche Ausdrucksweise. Mit dem Eintritt in eine Mara ist man außerdem gezwungen einen anderen Namen anzunehmen.

Mareros verdienen ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch Diebstahl, Drogen- und Waffenhandel, Entführungen und Erpressungen. Die Aktivitäten der beiden größten Banden, die Mara Salvatrucha und die Mara 18 sind überregional und ihr Einflussbereich reicht von Kolumbien bis nach L.A.

Die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Gewalt in den besagten Ländern gehen über die offensichtlichen Personen- und Sachschäden hinaus. Die privatwirtschaftlichen Ausgaben für Sicherheitsdienste, Alarmsysteme und bauliche Schutzmassnahmen sind außerordentlich hoch. Die permanente Unsicherheit schreckt ausländische Investoren ab und auch touristische Potenziale bleiben in weiten Teilen unausgeschöpft. Jugendgewalt in Zentralamerika erweist sich zunehmend auf wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ebene als Entwicklungshemmnis.

Quelle der Abbildung: http://www.artefotofestival.org/immagini/foto/christian_poveda.jpg

Literatur:
Cunningham, W. (2008): Youth at Risk in Latin America and the Caribbean: Understanding the Causes, Realizing the Potential. Washington.

Brot für die Welt (Hrsg.) (2008): Jugend und Gewalt. Global lernen (1).

Filmtipps:
Christian Poveda (2008) ”La vida loca”
Cary Fukunaga (2009) “ Sin Nombre”



Die Autorin: Eva Jünemann studiert an der Uni Mainz Geographie und arbeitet derzeit als Praktikantin bei der GTZ in El Salvador.

Sonntag, 15. November 2009

Klimawandel: Wenn Länder untergehen

von Simon Argus
In Kopenhagen versammeln sich am 7. Dezember die Staatschefs der Welt und beraten über die heraufziehende Klimakatastrophe. Alles halb so schlimm - das ist die fatale Haltung der meisten Regierungen zur Stunde, während Experten zweifeln ob das Ziel, die Erderwärmung bei 2 Grad zu stoppen, überhaupt noch erreichbar ist. Kopenhagen liegt nur wenige Meter über dem steigenden Meeresspiegel - richtig eng wird es aber zuallererst für einige Inselstaaten im Pazifik und indischen Ozean.

4 Meter beträgt die höchste Erhebung des Inselstaates Tuvalu. Ähnlich flach sind die Malediven. Beide Staaten sind durch einen steigenden Meeresspiegel in ihrer Existenz bedroht.
Durch die globale Erwärmung droht die Entstehung von so genannten "Geisterstaaten", deren Regierungen im Exil arbeiten und deren Bevölkerung in die ganze Welt zerstreut werden. Für diesen Fall gibt es derzeit noch keine Präzendenzfälle. Was passiert eigentlich, wenn ein Staat aufhört physisch zu existieren, seine Bevölkerung aber die eigene Staatsbürgerschaft behalten möchte?

Könnte es in Zukunft vielleicht "virtuelle Staaten" geben? Das Thema ist politisches und rechtliches Neuland. Es steht weit mehr auf dem Spiel als kulturelle oder sentimentale Bindungen an das eigene Land. Ein Staat besitzt zahlreiche Privilegien und Rechte die er nicht verlieren will. Beispielsweise Tuvalu: Der Inselstaat verdient Devisen durch den Verkauf der Internet-Endung .tv und besitzt außerdem eine Stimme in den vereinten Nationen. Das internationale Völkerrecht sieht untergehende Staaten noch nicht vor.

Die Regierungen der betroffenen Nationen bemühen sich um Abkommen und teilweise sogar um den Ankauf von Land, auf dem das eigene Volk in der garnicht allzu fernen Zukunft eine neue Heimat finden soll. Dennoch: Das Migrationsproblem durch die globale Erwärmung wird noch weltweite Auswirkungen nach sich ziehen.

Für den Fall einer weltweiten Temperaturzunahme von 4°C hat eine kürzlich in Oxford vorgestellte Studie weltweit 23 Regionen identifiziert, aus denen die Menschen aufgrund des Klimawandels fliehen werden. Die Einen vor dem steigenden Wasserspiegel, die Anderen vor dem Wachstum der Wüsten oder dem Ausbleiben der Regenfälle. Etwa eine Milliarde Menschen werden im Endeffekt weltweit aufgrund des Klimawandels migrieren - das ist knapp jeder sechste Erdenbürger.

Diese gewaltige Migrationswelle wird vor allem auch die entwickelten Staaten vor neue Herausforderungen stellen: Als Hauptverantwortliche des Klimawandels wird es an ihnen liegen, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Eine Milliarde Menschen lassen sich durch keinen Grenzzaun aufhalten, eine proaktive Migrationspolitik ist daher notwendig.

Die Migration wird mit dem Klimawandel zur Adaptionsstrategie, sie muss daher gefördert und ermöglicht werden. Speziell die ärmsten Menschen, denen die Ressourcen zur Migration fehlen benötigen Unterstützung. Es ist schließlich nicht möglich, sie ohne Lebensgrundlagen in verwüsteten Landstrichen zurück zu lassen. Doch wer wird die Verantwortung übernehmen?

Es lässt sich absehen, dass der Klimawandel die Menschheit noch teuer zu stehen kommt. Auch und speziell die Staaten, denen zunächst kein Untergang oder Wassermangel droht, werden sich an diesen Kosten beteiligen müssen. Staaten wie Deutschland werden dafür sorge tragen müssen, dass dieser Adaptionsprozess so menschlich und reibungslos wie möglich passiert - andernfalls droht der Menschheit eine neue Katastrophe, Kriege um fruchtbares Land oder Wasser.

Den Teilnehmern der Kopenhagener Klimakonferenz wäre also angeraten, lieber heute in den sauren Apfel zu beißen und Geld für den Klimaschutz auszugeben, als Morgen vor noch viel größeren Problemen zu stehen. Auch wenn ein paar mehr Sonnentage zunächst doch so harmlos scheinen.

Quelle: Artikel in "the Guardian" vom 30. September 2009. www.theguardian.co.uk
Bilder: (von oben) Logo der Klimakonferenz in Kopenhagen (Quelle: http://en.cop15.dk/). Land unter: Überflutung während eines Sturmes bei Kapstadt (Quelle: eigenes Bild).

Im Internet: Alles zur Klimakonferenz in Kopenhagen (mehr...) sowie zum drohenden Untergang Tuvalus bei Germanwatch (mehr...).

Dienstag, 10. November 2009

Auf Wachstum verzichten

von Steffen Hirth

Die Erde im Jahr 2009. Die Wirtschaft steckt in der Krise und von rechts bis ganz links ruft alles nach neuem Wachstum. Nur wenige Stimmen widersprechen dieser Strategie, unter ihnen ist Professor Serge Latouche aus Paris. Sein Ansatz der "décroissance" kritisiert unsere auf Verschwendung von Ressourcen und Zerstörung unserer Lebensgrundlagen aufgebaute Art zu wirtschaften. Eben nicht zu wachsen ist für ihn der einzige Ausweg aus jener Krise, die die Menschheit selbst hervorgerufen hat.

Im Rahmen der Vortragsreihe "Jedes Paradigma hat ein Ende – eine kri­ti­sche Ana­ly­se des Ka­pi­ta­lis­mus" der Hochschulgruppe diskursiv war Herr Latouche gestern zu Gast an der Uni Mainz, um seine Vorstellung von einer Gesellschaft jenseits des Wachstumsgedankens zu skizzieren.

Nachdem im 19. Jahrhundert die erste industrielle Revolution, im wesentlichen getragen von der Kohle, ein bis dato nicht gekanntes Angebot von Waren ermöglichte, führte die "thermo-industrielle" Gesellschaft - inzwischen zum Öl gekommen - ab den 1950er Jahren den Massenkonsum ein (siehe auch die Regulationstheorie). Auf drei Pfeilern fusste von da an der Kapitalismus, ein Kreislauf aus...

  • Werbung/Marketing, das Wecken von Nachfrage für ein Produkt (500 Mrd. Dollar werden weltweit dafür ausgegeben)
  • Kredit - um in der Lage zu sein, die eigene Nachfrage zu befriedigen
  • Das "obsolet" werden, also das Sinnlos-Werden eines Produktes (das nicht mehr up to date ist oder nicht mehr repariert werden kann/soll.
Um diesen Kreislauf aufrecht zu erhalten, wurde die Ideologie - Latouche spricht sogar von Religion - des Wachstums entwickelt. Wie es für eine Arbeitsgesellschaft nichts schlimmeres als Arbeitslosigkeit gibt, so ist es für die Wachstumsgesellschaft die Rezession. Die Auffassung "Wachstum schafft Arbeit" ist daher in ähnlicher Form häufig Teil politischer Programme, hier aus dem Wahlkampf diesen Jahres, vertreten von Angela Merkel (Quelle: Focus.de).

Gelingt das Wachstum nicht, kommt es zu Kürzungen im Sozialsystem oder zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Als symptomatisches Beispiel nennt Latouche die Selbstmordwelle bei France Telecom (siehe z.B. FAZ.net).

Die strikten Kontrollmethoden bei dem französischen Unternehmen sind stellvertretend für eine Gesellschaft, die diejenigen belohnt, die sich - so paradox es klingt - dem Diktat unterordnen, um jeden Preis besser sein zu wollen, als alle anderen. In dieser Leistungsgesellschaft herrscht die Vorstellung unser Glück hinge unweigerlich von mehr Wachstum, mehr Produktivität, mehr Kaufkraft und mehr Konsum ab.

In der Tat hat sich durch das Wachstum seit der Industriellen Revolution der Lebensstandard in den Ländern des Nordens kontinuierlich verbessert, erkennbar ist das unter anderem an der gestiegenen Lebenserwartung. Die entscheidene Frage ist aber, welchen Preis wir dafür zahlen mussten? - denn wo etwas wächst, so verlangt es die Logik, da muss auch etwas schrumpfen. Das Dilemma: Was da tagtäglich immer schneller schrumpft ist unsere Lebensgrundlage.

Ein entscheidender Parameter für diesen Zusammenhang ist der ökologische Fußabdruck. Die von dem kanadischen Wirtschaftswissenschaftler William Rees geprägte Einheit gibt an, welche Fläche ein bestimmter Lebensstandard beansprucht, bzw. welche Fläche an Böden und Gewässern nötig ist, um die Ressourcen für diesen Lebensstil bereitzustellen und die Abfälle aufzunehmen (Le Monde diplomatique 2008: 11).

Grafik rechts: Ökologischer Fußabdruck ausgewählter Länder; angegeben ist der Fußabdruck in Hektar pro Person; Daten aus dem Living Planet Report 2006 (Quelle: oekosystem-erde.de).

Nach dieser Berechnung benötigt ein Deutscher im Durchschnitt 4,2 Hektar, ein US-Amerikaner hingegen 9,4 Hektar (Quelle: happyplanetindex). Würde jeder Bewohner der Erde einen Lebensstandard wie ein US-Amerikaner genießen, bräuchten wir etwa fünf Planeten. Eine nachhaltige Nutzung der Flächen, würde hingegen bedeuten, dass jeder Mensch nur etwa 1,8 Hektar für seinen Lebensstandard beanspruchen dürfte. Zum Vergleich: Würde jeder Mensch so leben wie in Burkina Faso, dann könnte die Welt etwa 23 Mrd. Menschen fassen.

Gedankenkonstrukte dieser Art machen eines deutlich: Die Menschen in den Ländern des Nordens leben erstens auf Kosten der zukünftigen Generationen und zweitens auf Kosten der sogenannten Entwicklungsländer, den Ländern des Südens, die den Großteil der Rohstoffe für "unseren" Lebensstil liefern.

Welcher Morgenmuffel ist sich, wenn er den Tag mit einer Tasse Kaffee beginnt, schon darüber im Klaren, dass für die Herstellung dieser einen Tasse etwa 140 Liter Wasser verbraucht wurden (Quelle: Utopia.de)? Wer denkt beim Joghurt-Essen schon daran, dass dieser Becher eine Reise von ungefähr 9000 km hinter sich hat? Die enormen Transportwege und der damit verbundene Energieaufwand, die Kehrseite der Globalisierung ist es, die Latouche kritisiert.

Dieser komfortable Standard macht unser Leben vollständig von einem Rohstoff abhängig: vom Erdöl. Doch der "Peak Oil", die größtmögliche Fördermenge von Erdöl, ist oder wird in den nächsten Jahren erreicht, von nun an geht es nur noch bergab. Unter diesen Umständen Wachstum zu fordern ist nicht nur naiv, es ist fahrlässig.

Mit dem enormen Flächenverbrauch und nicht zuletzt dem Klimawandel ist bereits ein Artensterben mit enormer Geschwindigkeit in Gang gesetzt worden. Ist es am Ende die Menschheit, die ihren eigenen Untergang besiegelt? Es geht hier nicht um apokalyptischen Populismus, sondern um die berechtigte Frage, wie es um die Zukunft der Menschheit bestellt ist, wenn eines fest steht: Weiteres Wachstum ist in dieser Form nicht mehr lange möglich.

Allein auf neue Technologien zu vertrauen, hält Latouche nicht für sinnvoll. Den Ansatz der "Décroissance" umzusetzen, bedeutet für ihn ein neues Wertesystem zu finden - ein System, das Altruismus über Egoismus, Kooperation über Wettbewerb und Qualität über Quantität stellt. Was häufig als Armut deklariert wird, könne man zum Beispiel auch als Genügsamkeit sehen.

Neben seinem "cercle vertueux", einem positiven Kreislauf, mit dem das Nichtwachstum gelingen soll (siehe obige Grafik), stellt Latouche in einem politischen Programm folgende Forderungen auf:

1) einen nachhaltigen ökologischen Fußabdruck wiederfinden
2) durch angemessene Öko-Steuern die Transportwege reduzieren
3) Wirtschaftliche Aktivitäten relokalisieren
4) die Landwirtschaft reformieren (z.B. Pestizide und Nitrate reduzieren)
5) die Produktivität verändern, indem die Arbeitszeit reduziert wird
6) die Produktion und den Austausch von zwischenmenschlichen/geistigen Gütern stärken
7) den Energieverbrauch um den Faktor 4 reduzieren (Stichwort Negawatt)
8) Werbung reduzieren (auf einen bestimmten Prozentsatz des Umsatzes eines Unternehmens)
9) wissenschaftlich-technische Forschung umorientieren
10) sich das Geld in Händen multinationaler Unternehmen und Banken wieder aneignen (Anm.d.Verf.: Ist ein bedingungsloses Grundeinkommen vielleicht eine Lösung?).

Der Weg in eine lebenswerte Zukunft erfordert es nach Latouche auf die konventionelle Form von Wachstum zu verzichten. Doch gerade Umweltschutz hört für viele da auf, wo Verzicht anfängt. An dieser Stelle sei auf die Relativität des Begriffes "Verzicht" verwiesen. Der Sozialpsychologe Harald Welzer stellt fest, dass wir aus Angst vor Veränderung meist vergessen, dass unser Status Quo mit unzähligen Verzichtsleistungen erkauft ist - denken Sie mal drüber nach...

Literatur:

Le Monde diplomatique (2008): Eine Erde reicht nicht mehr. In: Atlas der Globalisierung - Klima. Berlin: S. 10-11.

Webtipps:


Mittwoch, 4. November 2009

Flüsse in der Stadt: Vom Schiffskanal zu mehr Lebensqualität

von Simon Argus

Die wirtschaftliche Bedeutung von Flüssen ist heute Nebensache. Aber der Fluss ist in den letzten Jahren mehr und mehr zum Trumpf geworden, wenn es um die Lebensqualität in der Stadt geht. Nun muss aus den dreckigen Kanälen ein attraktiver Lebensraum werden. Beispiele aus Wien und anderswo.

Seit einigen Jahren wird der Fluss in der Stadt wiederentdeckt: Als großer Gewinn für die Stadtbewohner. Denn dieses einbetonierte, gelegentlich müffelnde Gewässer zwischen Industriebrachen bedeutet zumindest potenziell ein Stück Natur, das mitten durch die Stadtzentren fließt. Der Wettbewerb der Städte um Bewohner und Wirtschaftskraft wird zunehmend mit diesen "soften" Standortfaktoren geführt. Mit ihrem "marinen Flair" werden neue, teure Wohnanlagen in Wassernähe beworben, in Hamburg entsteht ein ganzes Stadtviertel unter diesem Motto.

Aber auch der öffentliche Raum am Wasser wurde in vielen Städten in den letzten Jahren aufgewertet. Nach dem Vorbild des Pariser Stadt-Strandes, der seit einigen Jahren im Sommer auf der Pariser Stadtautobahn an den Ufern der Seine angelegt wird, werden nun auch am Rhein Topfpalmen aufgefahren und Liegestühle aufgestellt. Etwas beständiger sind die neuen Grünanlagen, die zum Beispiel in Mainz entlang des Rheins eröffnet wurden und vor allem auch die Möglichkeit bieten, in Gruppen zu picknicken oder entlang des Flusses Sport zu treiben.

Andere Städte sind noch dabei, das Potenzial ihrer Flüsse zu heben und ihre oft stark verbauten Flussläufe für die Anwohner attraktiver zu gestalten. Ein Beispiel eines solchen Versuchs haben wir im Rahmen einer Projektstudie in Wien kennen gelernt.

Der Donaukanal, ein fast 20 Kilometer langer Seitenarm der Donau, fließt durch Wien und soll im Rahmen des Stadtentwicklungsplanes in einen attraktiven Erholungs- und Erlebnisraum umgestaltet werden. Doch in Wien zeigen sich auch die zahlreichen Probleme, die mit einer solchen Operation verbunden sind: Hauptverkehrsstraßen und U-Bahnen führen entlang des Kanals und wirken wie eine Barriere zwischen Stadt und Fluss. Die Ufer des Kanals sind dunkel, vollasphaltiert und machen einen zwielichtigen Eindruck. Von der Natur ist weit und breit nicht viel zu sehen.

Um der Misere Herr zu werden, schickt die Stadt die "Freizeitpioniere" vor: Szene- und Clubgänger schätzen ein nicht allzu makelloses Umfeld, Künstler und Klubs beleben das Ufer. Diese Klientel bereitet den Boden: Zunächst muss sich das Image wandeln - von einem dreckigen Kanal zu einer Künstler-Bohème-Zone, mit dem europaweit bekannten Club "Flex" und sogenannten "künstlerischen Interventionen". Diese Gruppe von Pionieren wächst und lässt das neue Ausgehviertel am Kanal bekannter werden. Die Stadt verbessert in kleinen Schritten nach und nach das äußerliche Bild und die Infrastruktur: Neue Beleuchtungen werden angebracht, die einerseits das einst hässliche Betonensemble in bunten Farben leicht kitschig ausleuchten, andererseits sogenannte "Angsträume", also etwa dunkle Ecken unter Brücken, entschärfen.

Die nächste Gruppe sind die Eltern jener Clubgänger, also die etwas situiertere Wiener Gesellschaft. Sie schätzen es grün und etwas eleganter. Ihr Magnet soll die Urania sein - ein sogenanntes Volksbildungshaus im Jugendstil aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, das ebenfalls an den Donaukanal grenzt. Weiteres Publikum wird die neue Anlegestelle für die Expressfähre zwischen Wien und Bratislava anziehen, ein futuristischer Architekten-Bau und vielleicht bald eine bekannte Landmarke am Kanal.

Für diese erweiterte Klientel wurde der Zugang zum Fluss durch eine Unterführung erleichtert. Doch eine ganze Menge mehr muss noch passieren: Angelegte Grünflächen, sanitäre Anlagen und barrierefreie Zugänge fehlen noch. Die Ufer am Kanal sind eng und alle paar Minuten rauscht die U-Bahn lärmend hinter einem Gitter unter der Straße vorbei.

Die Zukunft klingt vielversprechend: Auf Badeschiffen im Kanal soll die Flussbade-Kultur wieder aufleben, ein Vergnügen, das schon in der "guten alten Zeit" in Wien sehr geschätzt wurde.

Bilder: (von oben nach unten): So schauts am Anfang aus: Der Wiener Donaukanal ist verbaut, wenig grün und nicht gerade attraktiv. Dann: Freizeiteinrichtungen für die "Freizeitpioniere" - die schicke Wiener Gesellschaft kommt etwas später. Schließlich: Baustelle für den Fähranleger der Wien-Bratislava Linie. Architektur wertet den Flussraum auf.
Quelle: eigene Bilder.

Im Internet: Der Wiener Stadtentwicklungsplan STEP-05 (mehr...), ein anderes Projekt ist zum Beispiel die Hamburger Hafen-City mit dem neuen Opernhaus (mehr...), sowie zum Thema Flussbaden (mehr...)