Mittwoch, 1. Juni 2011

EHEC in aller Munde

von Steffen Hirth


Die aktuelle Aufregung um das pathogene Darmbakterium EHEC ist verbunden mit einer hohen medialen Aufmerksamkeit, die vor allem den Appetit auf rohes Gemüse verdirbt. Menschen sind gestorben, Tonnen von Lebensmitteln landen auf dem Müll. Wer hat Schuld? Die genaue Herkunft der Erreger wird gerade eifrig von Wissenschaftler_innen untersucht. Eine ungefähre Antwort darauf, ist erstens leichter und hat zweitens mehr mit Geographie zu tun, als man vielleicht denkt.

Eigentlich sind Escherichia coli (E. coli) ganz normaler Bestandteil einer gesunden Darmflora. Unter bestimmten Umständen können jedoch krankheitsauslösende Stämme dieses Darmbakteriums entstehen: Enterohämorrhagische Escherichia coli - kurz: EHEC. Das Hauptreservoir des Erregers, verrät Wikipedia, bilden Wiederkäuer, vor allem Rinder. Die Übertragung erfolgt auf vielfältige Art und Weise, stets aber durch die (unbeabsichtigte) Aufnahme von Fäkalien.

Abb. 1: Schlagzeile auf tagesschau.de (01.06.2011).

Die Berichterstattung vermittelt im Moment vor allem zwei Botschaften: Wir wissen nicht, wo es herkommt und beim Gemüse-Essen bloß vorsichtig sein! Die Reaktionen der Verbraucher_innen reichen von Übersättigung und Gleichgültigkeit - keine Panik, nur ein weiterer Lebensmittelskandal - bis zu ernster Sorge und dem Verzicht auf jegliche Lebensmittel, die in Verdacht sind. Da Gurken im Moment geringe Nachfrage haben, bleiben Gärtner_innen auf ihrer Ernte sitzen, schmeißen Tonnen in den Müll und sind wirtschaftlich von der Existenz bedroht. Ich habe schon Leute witzeln hören: "Jetzt essen wir nur noch Fleisch!", was ein Vegetarierherz in Rage bringen kann. Lustig ist das Thema aber spätestens dann nicht mehr, wenn im Kreis der Bekannten jemand erkrankt ist und in Quarantäne im Krankenhaus liegt.

Die aktuelle Suche nach verantwortlichen Betrieben und die Vorsicht im Haushalt sind natürlich wichtig. Dennoch ist das, worüber Expert_innen im Moment in den Medien sprechen, vor allem die Behandlung von Symptomen, während die Wurzel des Problems nur bis zu ihrem Ansatz erwähnt wird: Irgendwie, wahrscheinlich durch Düngung mit Gülle, sind verseuchte Fäkalien an das betroffene Gemüse gekommen. Dieses Problem ist alles andere als neu!

Abb. 2: Der Autor Michael Pollan: "Wir füttern Mais und Coli-Bakterien bilden sich, dann geschieht eine Mutation: Der Erregerstamm E.Coli 0157H7 entsteht, das Ergebnis der neuen Diät der Rinder und ihrer Haltung in Massenbetrieben." (Quelle: "Food, Inc.")

Allen Trenkle, Ernährungswissenschaftler der Universität Iowa, erklärt in dem Film "Food Inc." wie es zu einer rasanten Vermehrung von E.coli-Bakterien im Darm von Rindern kommt. Im Pansen befinden sich Millionen von Mikroorganismen, die bei der Verdauung helfen und natürlicherweise Grasfresser sind. Da Mais ein besonders billiges Futtermittel ist und Rinder schnell fett macht, bekommen die meisten von ihnen kein frisches Gras zu fressen - entgegen dem Eindruck von grünen Weiden, den die Werbung so gerne vermittelt. Durch das Maisfutter, sagt Trenkle, bilden sich E. coli-Bakterien, die säurebeständig sind - die schädliche Variante.

Michael Pollan, Autor von "Das Dilemma des Allesfressers" erläutert: "Die Tiere stehen knöcheltief im Mist, d.h. hat eine Kuh es, kriegen es die anderen auch. Im Schlachthof ist ihr Fell mit Mist bedeckt. Dort werden 400 Rinder in der Stunde geschlachtet. Wie will man da verhindern, dass der Mist auch auf den geschlachteten Tierkörpern ist? So gelangt der Dung ins Fleisch und damit ist der neue Erreger im Nahrungskreislauf."


Video: Ein Ausschnitt aus dem Film "Food, Inc.". Der Abschnitt zu den E.coli-Bakterien beginnt nach etwa 6 min (Quelle: Youtube.com).

Die meisten Masttiere fressen heute nicht mehr Gras, sondern Mais, Soja, Weizen und anderes Getreide, heißt es in "Wege aus der Hungerkrise", eine Publikation, die den Weltagrarbericht 2009 zusammenfasst. Weltweit werden 33% des Ackerlandes für die Produktion von Futterpflanzen aufgewendet (Wege aus der Hungerkrise 2009: 25). Ausschließlich Grünlandwirtschaft zu betreiben, würde den hohen Bedarf an Fleisch- und Milchprodukten in westlichen Industrieländern nicht decken (vgl. Abb. 3).

Abb. 3: Im Durchschnitt essen Deutsche pro Jahr 83 kg Fleisch (Quelle: Wege aus der Hungerkrise 2009: 25).

Die Reduzierung des Verbrauchs tierischer Nahrungsmittel ist der dringendste und effektivste Schritt zur Sicherung der Ernährung, der natürlichen Ressourcen und des Klimas (ebd.). Angesichts der Probleme, die unter dem Globalen Wandel zusammengefasst werden, erscheint die EHEC-Epidemie als nicht mehr als eine kleine Begleiterscheinung. Das Kernproblem ist jedoch das gleiche: Das durchschnittliche Konsumverhalten und der damit verbundene Lebensstandard in den Ländern des Nordens ist nicht nachhaltig.

Die Mehrheit schaut im Supermarkt vor allem auf den Preis. Billige Futterpflanzen decken den hohen Pro-Kopf-Konsum, obwohl die Mägen der Tiere evolutionär nicht dafür ausgelegt sind. Die Entstehung von schädlichen E.coli-Stämmen ist somit einkalkuliertes Risiko, zumindest von Seiten der industriellen Landwirtschaft. In der Presse wird dieses Thema (soweit meine Beobachtungen reichen) kaum angesprochen. Ärgerlich ist, dass die direkte Gefahr nun vor allem von Gemüse ausgeht - zumindest ist das die Botschaft, die rüberkommt - obwohl ohne Zweifel die Tierhaltung für den Skandal verantwortlich ist. Es passiert das Gegenteil dessen, was für einen wirklichen Wandel passieren müsste. Die Angst vor Gemüse wird geschürt, obwohl gerade mehr pflanzliche Lebensmittel konsumiert werden müssten, um die Ernährung sicher und nachhaltig zu gestalten. Würden nur so viele tierische Lebensmittel konsumiert, wie in Weidehaltung produziert werden können, wäre das Angebot zwar geringer, der Preis höher, aber die Sicherheit von Tierprodukten wäre höher, während die Preise für Gemüse, aufgrund der größeren Anbauflächen (die jetzt für Futtermittel draufgehen), deutlich niedriger sein könnten.

So bekommt der Spruch: "Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg!" eine interessante Wendung: Wer viel Fleisch- und Milchprodukte verzehrt, bescheißt mein Gemüse! Nur ein positiver Aspekt bleibt: Die Geographie der Ernährung ist das Salz auf meiner leckeren Gemüsepfanne des Studiums. Dem Bruder meines Freundes wünsche ich gute Besserung!

Mehr zum Thema:
  • Wege aus der Hungerkrise (2009), Internet: weltagrarbericht.de.
  • Film: Food, Inc. - Was essen wir wirklich? (USA, 2008)
  • Buch: "Das Dilemma des Allesfressers" von Michael Pollan (FAZ.net, 16.02.2009)

6 Kommentare:

  1. Danke, dass du die dominierenden Diskurse über den Ehec Erreger dargestellt hast, aber danke noch viel mehr, dass du auch die marginalisierten Diskurse offengelegt hast. Die Lebensweisen in den Industrieländern ist alles andere als nachhaltig...wir fahren gegen eine Wand und der Aufprall wird hart, wenn es nicht endlich zu einem Umdenken kommt. Fragt sich nur wie es zu einem Umdenken kommen soll, wenn die Massen hierfür nicht durch eine aufgeklärte, kritische Medienberichterstattung sensibilisiert werden.

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  2. Danke, Eva, für deinen Kommentar!

    ...den stärksten Hebel sehe ich in der Diffusion (nachhaltiger Konsumgewohnheiten) auf der privaten, zwischenmenschlichen Ebene. Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass es einen sehr großen Einfluss auf das Umfeld hat, wenn man eigene Ideale einbringt und - mit genügender Vorsicht auf die Integrität der anderen (sonst ist eine Abwehrreaktion nicht unwahrscheinlich) - darauf besteht.

    Da der gesellschaftliche Diskurs um Nachhaltigkeit aber auf vielen Ebenen stattfindet, ist es auch wichtig, auf die dominierenden Einzel-Diskurse Einfluss zu nehmen und Ideologien zu entlarven oder das diskursive Feld durch neue Perspektiven zu erweitern.

    Tja, manchmal bin ich ähnlich pessimistisch, was einen wirklichen Wandel betrifft. Gerade beim Klimaschutz scheint sich im Moment wenig zu bewegen. Und es mangelt an öffentlicher Diskussion darüber. Wir erleben gerade so ein trockenes Jahr, haben gleichzeitig in bestimmten Regionen heftige Gewitter. Letztes Jahr war der Winter in Deutschland zwar sehr kalt, was darüber hinwegtäuscht, dass es sich global gesehen um eines der wärmsten Jahre gehandelt hat. Bei fast allen Jahren im letzten Jahrzehnt hat es sich um die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen gehandelt.

    Es scheint mir, dass der Klimawandel zu sehr als ein einzelnes Problem gesehen wird. Dass er auch Auswirkungen auf die Nahrungsmittelverfügbarkeit und damit auf soziale Konflikte hat, wird mir zu wenig thematisiert.

    Mal ganz einfach gedacht: Natürlich macht es einen Unterschied, ob ich aus einem Stück Land 10 Kalorien pflanzliche Lebensmittel bekomme oder aus demselben 1 Kalorie tierische Lebensmittel. Wenn dann noch die große Dürre 7 Kalorien meiner Pflanzen wegfratzt, bleibt meinem Magen immer noch dreimal so viel Nahrung als wenn ich mir Tiere halten würde.

    OK, darüber könnte ich jetzt noch stundenlang schreiben. Ich hab Hunger und koch mir jetzt was - ohne Fleisch sowieso, Käse und Milch lass ich heute, wie meistens, auch weg (und trotzdem kommt was Leckres bei raus).

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  3. Ja, du hast natürlich Recht. Medien sind nur ein Weg die Massen zu erreichen und jeder Einzelne kann mit dem Kommunizieren seiner eigenen Konsumgewohnheiten sicherlich effektiver etwas bewegen. Veränderung wird am Besten von "unten" gemacht. Doch selbst dabei trifft man auf viele Hürden, wie ich finde. Bei jungen Menschen ist es leichter, aber wenn ich bspw. in meinem Elternhaus versuche vorzuschlagen, dass man nur noch 1x die Woche Fleisch essen sollte, dieses aber von einem Bio-Metzger oder einer kleinen lokal ansässigen Metzgerei kaufen sollte, anstatt abgepackt im Supermarkt, stoße ich auf Unverständnis und werde als "Öko" belächelt. Gerade die älteren Generationen (ist natürlich verallgemeinert) lassen sich schwer sensibilisieren.

    Beim Fliegen ist es leichter und ich kann weit mehr davon überzeugen bspw. bei Atmosfair einen "Ausgleich" zu schaffen. So wird zumindest bei dem Flug selbst bewusst, dass es eigentlich mit mehr Kosten verbunden ist, als nur der Flugpreis + Steuern.

    Aber wie auch Du schon geschrieben hast sind gerade Erfolge beim Klimawandel eher ernüchternd, obwohl die Bevölkerung weitestgehend für das Thema sensibilisiert wurde. Die nationalen Politiken sind zu sehr auf Eigeninteressen aus, obwohl es ein gemeinsames Interesse gibt: globale Nachhaltigkeit.

    Es fehlt nicht an guten Konzepten und Ideen (bspw. auch die Initiative Globales Lernen), aber es fehlt an Koordination und politischen Willen. Gut, Politik braucht Verankerung in der Gesellschaft und so kann man den Ball wieder zurückspielen auf uns...die Gesellschaft.

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  4. Hier eine Sichtweise eines Autors der Veganen Gesellschaft e.V., der sich ebenfalls darüber aufregt, dass der Zusammenhang von EHEC und Tierhaltung kaum thematisiert wird:

    http://www.vegane-gesellschaft.org/2011/06/05/politi-krimi-ehec-mit-aller-macht-von-fleischskandal-ablenken-kartoffelkeller-lubeck-%C2%BBwir-haben-seit-einem-jahr-keine-sprossen-mehr-im-angebot%C2%AB/

    Noch interessanter ist aber seine Angabe, dass die WHO die Ursache für die Epidemie in Deutschland vor allem im Fleisch sehe. Auf der Seite der WHO habe ich nach kurzer Recherche leider keine solche Aussage zur aktuellen Epidemie mit dem speziellen Erreger-Stamm gefunden. Lediglich zu dem (ebenfalls lebensgefährlichen) Erreger O157:H7, an dem wohl auch der Junge in "Food Inc." gestorben ist:

    Sources of infection

    Most available information relates to serotype O157:H7, since it is easily differentiated biochemically from other E. coli strains. The reservoir of this pathogen appears to be mainly cattle and other ruminants such as camels. It is transmitted to humans primarily through consumption of contaminated foods, such as raw or undercooked ground meat products and raw milk. Faecal contamination of water and other foods, as well as cross-contamination during food preparation (with beef and other meat products, contaminated surfaces and kitchen utensils), will also lead to infection. Examples of foods implicated in outbreaks of E. coli O157:H7 include undercooked hamburgers, dried cured salami, unpasteurized fresh-pressed apple cider, yogurt, cheese and milk. An increasing number of outbreaks are associated with the consumption of fruits and vegetables (sprouts, lettuce, coleslaw, salad) whereby contamination may be due to contact with faeces from domestic or wild animals at some stage during cultivation or handling. EHEC has also been isolated from bodies of water (ponds, streams), wells and water troughs, and has been found to survive for months in manure and water-trough sediments. Waterborne transmission has been reported, both from contaminated drinking-water and from recreational waters.

    (http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs125/en/)

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  5. Und noch ein Nachtrag:

    Hier zitiert der Blog-Autor zwei wissenschaftliche Studien zum Zusammenhang von EHEC und Kraftfutter und kommt dabei zu dem Schluss, dass dieser Zusammenhang noch nicht ausreichend belegt (aber auch nicht widerlegt) ist:
    http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/vom-hai-gebissen/sichtweisen/2011-06-19/ehec-und-kraftfutter-es-ist-kompliziert

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  6. Später Nachtrag: Laut BfR sind im Falle des des EHEC-Stamms O104:H4 "tierische Exkremente (Gülle) als Eintragspfad in die Lebensmittelkette als unwahrscheinlich anzusehen".

    http://www.bfr.bund.de/cm/343/fragen_und_antworten_zur_herkunft_des_enterohaemorrhagischen_e_coli_o104_h4.pdf

    Der neue EHEC-Stamm gelangt demnach im Gegensatz zu anderen Stämmen - wie der 0157H7, von dem u.a. im Blog-Artikel bzw. in Food Inc. die Rede ist - nicht über Tiere, sondern über den Menschen auf Lebensmittel (und von dort auf andere Menschen).

    Meine Vermutung, die nicht-nachhaltigen Produktionsweisen in der Tierhaltung stünden in direktem Zusammenhang mit diesem speziellen EHEC-Fall, erweist sich angesichts dieser Datenlage als unwahrscheinlich. Dies schmälert jedoch nicht die starke Tendenz, dass vor allem die intensive Tierhaltung gesundheitliche Risiken durch Krankheitserreger hervorbringt. Auch macht dieser Umstand die industriellen Produktionsweisen in der Landwirtschaft um keinen Deut nachhaltiger.

    Indirekt kann die intensive Tierhaltung mit ihrem Antibiotika-Einsatz für Resistenzen beim Menschen sorgen. In der Tat ist auch der neue Erregerstamm "O104:H4 resistent gegen bestimmte Antibiotika" (BfR 06.07.2011, s.o.).

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