Dienstag, 24. Januar 2012

Hunger nach Land

von Simon Argus

Am vergangenen Freitag fand an der Universität Mainz ein Kolloquium des interdisziplinären Arbeitskreises Dritte Welt zum Thema „Chinas Expansion in den Entwicklungs- und Schwellenländern“ statt. Der besondere Fokus der Veranstaltung lag auf dem chinesischen Engagement in Afrika, ein Engagement, das von uns Europäern seit einiger Zeit mit wachsender Skepsis beobachtet wird. Ein Begriff, der sich in der medialen Diskussion dieses Vorgangs inzwischen eingeprägt hat, ist „Landgrabbing“.

Landgrabbing aus der Perspektive des Guardian (Quelle: http://www.globaldashboard.org/)


Dr. Philippe Kersting von der Universität Mainz fasst das Phänomen zusammen: Landgrabbing bezeichnet den meist legalen Kauf von großen Flächen Land durch ausländische Konzerne oder Institutionen. Dies geschieht in neuen räumlichen und zeitlichen Dimensionen, mit neuen Akteuren und im Rahmen veränderter Geschäftsmodelle und ist deshalb von der klassischen Landnahme, wie zu Zeiten der Kolonialherrschaft, zu unterscheiden. Das Ziel ist zumeist die Produktion von Nahrungsmitteln oder die Sicherung mineralischer Rohstoffe, die dann ins Ausland ausgeführt werden.

Obwohl Landgrabbing in der Regel im Rahmen bestehender Gesetze erfolgt und somit nicht illegal ist, entstehen häufig Konflikte zwischen unterschiedlichen Nutzungsinteressen und Probleme für die lokale Nahrungsmittelversorgung. So sind in den Staaten des afrikanischen Kontinents weiterhin große Teile der Bevölkerung von Subsistenzwirtschaft abhängig. Umso schwerwiegender waren daher die Auswirkungen, als im Jahr 2008 der südkoreanische Konzern Daewoo in Madagaskar auf einen Schlag und zu sehr günstigen Konditionen die Hälfte der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Insel erwarb. Der Deal führte zu Revolten, da auch hier die Bevölkerung von ihren kleinen Landparzellen abhängig ist. Der Präsident, der das Geschäft abgeschlossen hatte wurde im Zuge der Unruhen gestürzt.

Diese Ereignisse erregten das Interesse der westlichen Medien, ein erster Bericht über das Phänomen und die Ereignisse in Madagaskar erschien in der Financial Times. Somit erlebte „Landgrabbing“ seine mediale Geburt und taucht seither immer wieder in europäischen und amerikanischen Nachrichtenmagazinen auf. Die dort beschriebenen Akteure sind transnationale Konzerne und staatliche bzw. halbstaatliche Institutionen, die - wie etwa im Falle Japans auch offiziell bestätigt – die Nahrungsmittel- und Energiesicherheit der investierenden Länder gewährleisten sollen.

Empirisch verlässliche Daten gibt es zu diesem Phänomen bis heute noch nicht. Kersting vermutet, dass die Medien das Phänomen möglicherweise nicht umfassend und eher tendenziös behandeln. So ist auffällig, dass auf vielen Graphiken die Länder Asiens, allen voran China und die Golfstaaten, als Akteure dargestellt sind, Europa jedoch nur selten mit der Entwicklung in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich kann aber gerade chinesischen Akteuren kein größerer Landkauf in Afrika nachgewiesen werden. Das chinesische Engagement in Afrika ist zwar stark gewachsen in den letzten Jahren, beschränkt sich jedoch zumeist auf Transaktionen am Rohstoffmarkt im Austausch für chinesische Fertigwaren.

Auch dürfte Afrika nicht die einzige Region sein, in der „Landgrabbing“ vorkommt. Allerdings erweist sich der Kontinent aus der Perspektive der Medien als das „perfekte Opfer“, Landgrabbing in Afrika erscheint dem Leser sehr viel ungerechter, als ähnliche Entwicklungen in Osteuropa.

Auffällig ist, dass das akquirierte Land zu großen Teilen für den Anbau sogenannter Biofuels genutzt wird. Diese finden sich dann in Form des viel diskutierten E10-Treibstoffs vor allem in europäischen Autotanks wieder. Es ist also anzunehmen, dass die Rolle europäischer Akteure größer ist, als es aus der Berichterstattung ersichtlich wird. Bei den europäischen Akteuren handelt es sich jedoch nicht um staatlich kontrollierte Unternehmen oder Institutionen – daher fällt eine nationale Zuordnung hier schwerer. Tatsächlich aber dürfte es sich bei „Landgrabbing“ nicht um ein Phänomen handeln, bei dem man bequem mit dem Finger auf den Angstgegner China zeigen kann.

Zum Thema im Netz:

Weitere Informationen, zahlreiche Ressourcen, Berichte und verfügbare Statistiken findet ihr auf der Webseite von Dr. Philippe Kersting zu diesem Thema.

Der interdisziplinäre Arbeitskreis Dritte Welt ist ebenfalls im Web vertreten.

3 Kommentare:

  1. Hallo Simon,
    ja, es war ein interessanter Vortrag. Eine Frage, die m.E. noch diskutiert werden sollte (bzw. die ich gerne noch nach dem Vortrag gestellt hätte), ist, inwiefern die Landnahme wirklich "legal" stattfindet - welche Verträge liegen jeweils (meist/ nach dem wenn auch überschaubaren empirischen Erkenntnisstand) zugrunde? Kauf- oder Pachtverträge, und mit wem werden sie abgeschlossen? Inwiefern wird die lokale Bevölkerung, die u.U. durch die Pacht/den Kauf vertrieben wird, über die Vorgänge informiert? Findet in diesen Fällen irgend eine Form von Ausgleichszahlung statt?
    Sicherlich lässt sich hier keine pauschale Antwort geben, aber ebenso schwierig ist es, bei landgrabbing allgemein von legalen Vorgängen zu sprechen, finde ich.
    Gruß,
    Angela

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  2. Ich finde das Thema auch interessant und ich stimme dir zu, dass der Begriff "legal" zumindest problematisch ist. Bei so großen Projekten wie bspw. dem in Madagaskar, dürfte die Änderung von Gesetzen zur Ermöglichung solcher Deals im Bereich des Möglichen liegen. Hier ist es wahrscheinlich notwendig, in kleinräumigeren Untersuchungen und anhand regionaler Beispiele die tatsächlichen Abläufe zu untersuchen, die mit "Landgrabbing" verbunden sind. Vielleicht findest du erste Antworten auf der Webseite von Philippe Kersting...
    Gruß, Simon.

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  3. Philippe KerstingJan 31, 2012 09:58 AM

    Ich möchte kurz den Satz "Kersting vermutet, dass die Medien das Phänomen (...) eher tendenziös behandeln" etwas korrigieren. Ich habe nicht den Eindruck vermitteln wollen, dass die Medien "tendenziös" berichten – was eine bewusste Intention unterstellt und einer schweren Anschuldigung gleichkommt – sondern darauf hinweisen, dass sie unbewussten Wahrnehmungsfiltern unterliegen. Zwei wichtige europäische Wahrnehmungsfilter sind „China ist expansionistisch“ und „Afrika wird ausgebeutet“. Daher die häufige Annahme China sei ein Hauptakteur des „land grabbing“ in Afrika. Doch China importiert praktisch keine Lebensmittel aus Afrika und die größten Landflächen werden in Afrika nicht von chinesischen, sondern von anderen Akteuren (v.a. aus den Golf- und den europäischen Staaten) akquiriert. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Akquisitionen für landwirtschaftliche Zwecke i.d.R. deutlich größere Flächen betreffen, als Akquisitionen für den Zugang zu Rohstoffen – jener Bereich, in dem chinesische Akteure am aktivsten ist (eine Ausnahme bilden Chinas flächenintensive Investitionen für Forstwirtschaft). Diese „Ent-täuschung“ wird auch in zahlreichen Berichten festgestellt. So zum Beispiel im Mosambique-Bericht des Oakland Institutes „More recently, it was widely reported in the press that China had been given vast tracts of land [in Mozambique] to settle 20,000 people, and that 800 South African farmers had been given land; again, neither of these claims was true.” (Oakland Institute 2011: 5-6). Und Cotula stellt fest: „A common external perception is that China is supporting Chinese enterprises to acquire land abroad as part of a national food security strategy. Yet the evidence for this is highly questionable.” (2009: 55).

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